Nr. 79g
20. Dezember 1945
Schreiben Rudolf Pauls an Rektor Friedrich Zucker über die Weiterbeschäftigung NS-belasteter Professoren

Der Präsident des Landes ThüringenWeimar, den 20. Dezember 1945An denHerrn Rektor der Friedrich-Schiller-UniversitätJ e n a

Magnifizenz !
Vor einigen Tagen besuchte mich ein Bevollmächtigter der Sowjet-Militär-Administration Berlin-Karlshorst und legte mir von Ihnen unterschriebene Listen vor, auf denen Professoren der verschiedensten Fakultäten bestätigt bzw. wegen früherer Mitgliedschaft zur NSDAP zu entlassen sind. 1 Ich wies den Vertreter der Sowjet-Militär-Administration darauf hin, dass auf Grund der Listen zum Teil Wissenschaftler allerersten Grades zur Entlassung kommen würden und dann brach lägen. Es wurde mir in Aussicht gestellt, dass beim Nachweis überdurchschnittlicher Begabung und wissenschaftlicher Leistung die Entlassung aufgehoben werden könnte, wenn ich mich in diesem Sinne einsetzte und für den Betreffenden eine Art persönliche Bürgschaft eingehe. Ich bitte Sie aus diesem Grunde, mir unter Zugrundelegung dieser Gesichtspunkte für nach den Listen zu entlassende Professoren gegebenenfalls entsprechende Anträge um Weiterbeschäftigung mit Begründung zuzuleiten. 2 Ich muss mich hierbei auf Ihr Urteil verlassen und kann mich selbstverständlich ausschliesslich nur für solche Herren einsetzen, welche in der Vergangenheit nicht aktiv nazistisch tätig waren und die in ihrer Person die Gewähr dafür bieten, dass sie in keiner Weise nazistisches Ideengut unter die Jugend bringen.Bezüglich der Studenten, für die urkundliche Nachweise gefordert werden, wollen Sie solche Urkunden beibringen lassen. Soweit das nicht möglich ist, bin ich damit einverstanden, dass die Betreffenden gegenüber einer Behörde entsprechende eidesstattliche Versicherungen abgeben des Inhalts, dass sie den Fragebogen wahrheitsgemäss beantwortet haben.Die Zahl der landwirtschaftlichen Studenten soll nach den Wünschen der Sowjet-Militär-Administration vergrössert werden. Ich bitte Sie um Mitteilung, wieviel jetzt studieren, wieviel zusätzliche Meldungen liegen vor. Ich würde die Sowjet-Militär-Administration, falls zusätzliche Meldungen vorliegen, bitten, insoweit die Zahl der zugelassenen Studenten zu erhöhen.
Dr. Paul.(Dr. Paul)

Quelle: Universitätsarchiv Jena [der FSU Jena], Best. BB, Nr. 2, Bl. 42r, 42v (ms. Ausfertigung); auch überliefert in: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 1779, Bl. 276r, 276v.

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