Nr. 79b
2. November 1945
Vortrag Rudolf Pauls vor Studierenden (Zeitungsbericht)

Vom Faschismus zur DemokratieLandespräsident Dr. Paul sprach zu den Jenaer Studenten

Am Freitag, dem 2. November, eröffnete Herr L a n d e s p r ä s i d e n t D r. P a u l die Reihe der d e m o k r a t i s c h e n S c h u l u n g s v o r t r ä g e 1 in der Aula der Universität. Sein Erscheinen wurde von der Studentenschaft begrüßt, die sich zu seiner Ehre von den Plätzen erhob. 2 Nach kurzer Begrüßung durch den Herren Rektor der Universität, Prof. Dr. Z u c k e r, der bei dieser Gelegenheit bekanntgab, daß die Vorlesungen der Universität auf Befehl M a r s c h a l l S h u k o w s erfolgen würden, wandte sich Dr. P a u l in ernsten und eindringlichen Worten an die zum Studium zugelassenen Jenaer Studenten.
In akademischer Klarheit gab er einen kurzen Abriß der jüngsten Geschichte und zeigte die Ursachen auf, die zum Nationalsozialismus, zur Machtergreifung Hitlers und schließlich zum darauf folgenden Zusammenbruch des deutschen Volkes führten. In aufsehenerregender Form bewies er an Hand eines Dokumentes, daß die deutsche Justiz der Systemzeit systematisch das Wachsen der Hitlerpartei und ihrer Bestrebungen in staatsverräterischer Weise gefördert hatte. Weiterhin machte Dr. Paul darauf aufmerksam, daß es studentische Jugend gewesen sei, die einen Staatsmann vom Format eines R a t h e n a u erschossen hätte. Diese und noch viele andere Bestrebungen gerade der akademischen Kreise hatten zu einer immer mehr anwachsenden Macht des Nationalsozialismus geführt. Als das deutsche Volk im Herbst 1932endlich der nazistischen Holzhammerpropaganda vom „einfachen Soldaten“ und den „vergangenen 14 Jahren“ überdrüssig geworden war und die Krisis begann,
waren es die Industrie und Finanzkreise, als Vertreter Herr von Papen und Herr vonSchröder, die durch finanzielle Unterstützung die Machtergreifung Hitlersherbeiführten.
Er kam ihren kapitalistischen Plänen entgegen. Dr. Paul legte dann ausführlich den Beginn der verbrecherischen und verhängnisvollen nazistischen Politik dar, die schließlich zum heutigen Zusammenbruch führte[n]. An Hand eines weiteren Dokumentes bewies er, daß Hitler sich zur Beibehaltung der Kriegspolitik im Jahre 1936 entschloß, obwohl Dr. Goerdeler, der damals um ein Gutachten ersucht worden war, in eindringlicher Form davor gewarnt hatte. Hitler selbst hatte an den Rand der von tiefer Liebe für das deutsche Volk getragenen Denkschrift die Worte geschrieben: Unverschämte Frechheit. Dr. Goerdeler wurde damals kaltgestellt und endlich im Jahre 1944 gehängt, weil er als glühender Patriot einen letzten Versuch unternahm, das deutsche Volk vor dem Zusammenbruch zu bewahren.
Nunmehr wandte sich Dr. Paul in aller Entschiedenheit gegen die Verfechter der Wenn-, Hätte- und Aber-Theorie, die immer noch glaubten, daß der Krieg hätte gewonnen werden können, wenn ...? Mit messerscharfer Logik bewies sein Beispiel von der Schlacht bei Waterloo die Kindlichkeit derartiger Ansichten. Denn die geschichtliche Parallele der Schlacht zwischen Napoleon, Wellington und Blücher war eine einzige Kette von Zufälligkeiten, die trotzdem zu einer entscheidenden politischen Strukturveränderung Europas geführt hatte. Dr. Paul forderte die Studentenschaft auf, aus der Vergangenheit zu lernen und sich nicht gegen die von außen an sie herangetragenen Auffassungen zu verschließen. Die studentische Jugend habe ein Recht auf Kritik, meinte Dr. Paul, obwohl sie in der Vergangenheit alles kommentarlos geschluckt habe. Aber es bestünde ein Unterschied zwischen Kritik und eiskalter Ablehnung. Ein jeder Student solle sich vor der Kritik erst einmal in seiner Kammer mit dem Problem auseinandersetzen.
Mit einem vaterländischen Bekenntnis zum deutschen Volke schloß Dr. Paul seinehäufig von spontanen Beifallskundgebungen unterbrochenen Ausführungen.
Prof. Dr. Z u c k e r dankte dem Herrn L a n d e s p r ä s i d e n t e n für die in akademischer Form vorgetragene Rede und unterstrich noch einmal die Tatsache, daß ihre Ausführungen sich auf sensationelle Dokumente stützten, deren Inhalt bisher wohl keinembekannt gewesen sei. Er bedankte sich im Namen der Universität und besonders der Studentenschaft für den äußerst aufschlußreichen Vortrag. Er forderte die Studenten auf, ihre durch den spontanen Beifall ausgerückte Haltung in intensiver und ernster Arbeit zu beweisen.W.W.

Quelle: Tribüne, 5.11.1945.

1 2