Nr. 77
30. November 1945
Aus einem politischen Stimmungsbericht des Weimarer Oberstaatsanwaltes Friedrich Kuschnitzky über das Verhältnis von Bevölkerung und Besatzungsmacht und über die Haftbeschwerden von Arnold Hagenberg und Hans Meisser

Der Oberstaatsanwalt.Weimar, den 30. November 194540 a.An denHerrn Präsidentendes Landes Thüringen in W e i m a r

Politischer Stimmungsbericht vom 30. November 1945.
[…]
d) OStA. Meiningen
1. Bevölkerung und Besatzungsmacht.
Die Stimmung der Bevölkerung gegenüber der Besatzungsmacht wird ungünstig beeinflußt durch die immer wieder vorkommenden nächtlichen Überfälle, Plünderungen und Gewaltakte durch Angehörige der Besatzungstruppen, zuweilen unter Teilnahme deutscher Zivilisten. Die dadurch geschaffene Rechtsunsicherheit wird von deutschen verbrecherischen Elementen zur Begehung von Straftaten ausgenützt, die nach der Absicht der Täter von der Bevölkerung den Angehörigen der Besatzungstruppe zugeschrieben werden soll en . Die Nähe der Grenze zum amerikanisch besetzten Gebiet und der rege Grenzverkehr erleichtern der Bevölkerung Vergleiche mit der angeblich besseren Lage in den anderen Besatzungszonen. Die Folge ist eine verminderte Bereitwilligkeit der Bevölkerung zu gutwilliger Zusammenarbeit mit den Besatzungsbehörden.
[…]
In der Strafsache gegen Dr. Hagenberg und Gen. liegen die Haftbeschwerden der Beschuldigten Dr. Hagenberg und Dr. Meisser 1 der großen Strafkammer des Landgerichts Weimar zur Entscheidung vor. Ich habe beantragt, die Beschwerden als unbegründet zurückzuweisen. Die Ermittlungen der Landeskriminalpolizei gehen weiter.
Dr. Kuschnitzky Oberstaatsanwalt

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 1886, Bl. 6r-7r (ms. Ausfertigung)

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