Nr. 72
18. November 1945
Wirtschaftsbericht der KPD-Bezirksleitung an das ZK der KPD

Kommunistische Partei DeutschlandsBezirksleitung ThüringenWeimar, den 18. November 1945.N/H.An dasZentralkomitee der KommunistischenPartei Deutschlands B e r l i n

Bericht Nr. 1

Vorbemerkung:
Das Dezernat „Wirtschaft“ wurde im Laufe des Septembers eingerichtet. Es mussten in mühseliger Kleinarbeit die für dieses Sachgebiet unerlässlichen Unterlagen herangeschafft werden. Als weitere Schwierigkeit kommt hinzu, dass der Sachbearbeiter nicht seine ganze Arbeitszeit auf das Gebiet „Wirtschaft“ konzentrierten kann. Zur Illustration sei bemerkt, dass z. B. aus der letzten Dekade von 129 Arbeitsstunden (dabei sind die Sonntage mit einbezogen) nur 63 % für Wirtschaft aufgewandt wurden (einschließlich Besichtigungen an Ort und Stelle), 22 % für Verwaltungs- und Übersetzungsarbeiten und 15 % für Verhandlungen mit der Sowj. Militäradministration.
Wir können deswegen immer nur dort eingreifen, wo es ganz besonders dringend ist, und müssen bewusst einen grossen Teil Arbeit unerledigt liegen lassen.
Unsere Thüringer Wirtschaft wird besonders dadurch charakterisiert, dass sie eine ausgesprochene Veredelungs- und Fertigwarenindustrie ist. Infolgedessen ist die Ingangsetzung, wenn sie von Dauer sein soll, hier besonders schwer, da sie selbstverständlich auch eine volle Produktion der Zulieferindustrie voraussetzt. Von den rund 5.000 Betrieben sind zur Zeit 80 % wieder in Gang gebracht, meist jedoch auf Grundlage der noch vorhandenen Vorräte an Rohstoffen und Halbfabrikaten. Die Lage unserer Wirtschaft wird dadurch noch erschwert, dass wir zusätzlich etwa über 1 Million an Repatriierten in Thüringen unterbringen und ansiedeln müssen, die meistenteils garnichts oder nur sehr wenig mitbringen. Es entstehe dadurch ein Massenbedarf an Gegenständen des täglichen Gebrauchs und solcher, die zur Unterkunft gehören, wenn man von der Wohnraumfrage im Rahmen dieses Wirtschafsberichts absehen darf.
Eine ganze Reihe Industrieleiter, die durch ihre mehr oder minder starke Tätigkeit im Rahmen der NSDAP oder ihrer Nebenorganisationen kompromittiert waren, sind beim Abzug der Amerikaner geflüchtet, so dass es eine beträchtliche Anzahl sogenannter herrenloser Betriebe gab. Hierüber Zahlenmaterial anzugeben, ist uns zur Zeit noch nicht möglich. Die politische Auskämmung der Privatbetriebe kommt jetzt erst systematisch in Gang. Wir werden jedem einzelnen Betrieb einen Fragebogen zusenden lassen, auf welchem für jeden leitenden Angestellten seine Bezüge, Dienststellung und Verhältnis zur NSDAP genau geklärt werden müssen. Es gilt vor allen Dingen zu vermeiden, dass Nazisten, die aufgrund der ziemlich scharfen Siebung in den Staatsämtern dort hinausfliegen, in der Wirtschaft einen Unterschlupf finden, von welchem aus sie dann noch grösseren Schaden anrichten können.
Die sogenannten herrenlosen Betriebe, d. h. also solche, deren Inhaber geflüchtet sind oder Zweigwerke von Konzernbetrieben oder solche, die unter unsere ziemlich weitgehenden Enteignungsgesetze fallen, werden von der
Thüringer-Verwaltungs GmbH erfasst, welche in die Betriebe vertrauenswürdige Treuhänder einsetzt, wenn die Betriebe in den Händen des Staates bleiben, oder aber, wenn der Staat die Betriebe nicht behalten will, werden sie in die Hände von zuverlässigen Antifaschisten gelegt, wobei sich die Thüringer Verwaltungs GmbH die Kontrolle vorbehält. Bei den sogenannten Staatsbetrieben werden zuweilen die Gemeinden oder die Belegschaft oder eine Stadt so beteiligt, dass sie an der Entwicklung des Betriebes interessiert sind, wobei jedoch stets die Thüringer Verwaltungs GmbH, d. h. also der Staat Thüringen, den entscheidenden Einfluss auf die Gestaltung sich vorbehält. Zur vertraulichen Informationen bemerken wir, dass der
Sektor der Betriebe unter Staatsführung ,
d. h. der kommende sozialistische Sektor, bereits
über 20 % beträgt. Dazu kommen weitere nicht ganz 20 %, über die der Staat die Kontrolle ausübt. Es versteht sich, dass darüber hinaus der Staat mit diesem Instrument die Möglichkeit hat, auch auf den privaten Sektor der Wirtschaft richtungsweisend einzuwirken. Da die Enteignung aufgrund der Gesetze erst ihren Anfang genommen hat, ist mit einer erheblichen Steigerung der erwähnten Prozentsätze in den nächsten Monaten zu rechnen, woraufhin beim Ausbau des Auffangapparates der Thüringer Verwaltungs GmbH bereits vorgebaut wurde.
In ganz grossen Zügen sehen wir das Kernstück unserer Aufgabe in folgendem:
Vorbereitende Massnahmen zur Überführung der Wirtschaft von der Form des Privatkapitalismus zur sozialistischen Planwirtschaft, unter formaler Wahrung der privatwirtschaftlichen Initiative, d. h. wir werden unter allen Umständen so verfahren, dass niemand etwa in den westlichen Zone Deutschlands behaupten kann, wir hätten den Boden des Kapitalismus verlassen. In grösserem Rahmen muss dann im gleichen Sinne die gesamte Wirtschaft der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands erfasst werden, um die Aufnahme Deutschlands in den Verband der sozialistischen Sowjetrepublik nach dem Beispiel Estlands, Lettlands usw. vorzubereiten.
Einen ersten Tatversuch der Planwirtschaft stellt die auf Befehl der sowjetischen Militäradministration für das Jahr 1946 erstmals angestellte Planerhebung durch die Unternehmer dar. Der Unternehmer hat bis zum 8. November einen Produktionsplan aufgestellt, und wir haben im Verein mit den Gewerkschaften eine Kampagne organisiert, nach welcher in allen Betrieben die Belegschaft sich mit diesem Plan auseinandergesetzt und Änderungsvorschläge und Wünsche vorgebracht hat. Diese gesammelten Vorschläge werden wir von hier aus bearbeiten und dem Landesamt für Wirtschaft zuleiten in Fühlungnahme mit der Sowjetischen Militäradministration. Im grossen ganzen hat die Organisation nicht schlecht geklappt. Es ist uns hier politisch die Möglichkeit gegeben, neue Kreise der Arbeiterschaft zu erfassen, zu Betriebsräten mit heranzuziehen usw.
Nicht unerheblich in diesem Zusammenhang ist die
Personalpolitik in den entscheidenden Ämtern .
Es ist uns gelungen, in die Thüringische Verwaltungs GmbH als das entscheidende Instrument der Wirtschaft führende Genossen unseres Wirtschaftsaktivs in leitende Funktionen einzubauen. Auf die Art sind wir über alle Vorgänge laufend unterrichtet, und können sie von hier aus in der gewünschten Richtung beeinflussen.
Ein Herd der Reaktion war bisher das
Landesamt für Wirtschaft .
Nicht nur, dass hier bis vor wenigen Tagen 50 % aller Beschäftigten ehemalige Nazis waren, sondern auch die Demokraten und Christl. Sozialen dieser Ämter sind, zu mindestens vom wirtschaftlichen Standpunkt aus betrachtet, Erzreaktionäre, die einen friedlichen Dornröschenschlaf führen und „auf die Impulse aus der Wirtschaft warten.“ Allen Widerstand zum Trotz haben wir auch hier, mit Wirkung von nächster Woche ab, einige starke Genossen, gewissermassen als Sprengkörper eingebaut, welche uns die Gewähr dafür bieten, dass sie binnen kurzem die Führung des Amtes an sich reissen. Den Nationalsozialisten wurde auf Befehl der Regierung, die auf eine Anregung der Sowj. Militäradministration zurückgeht, am 15. November gekündigt.
Ihr braucht Euch keine Gedanken zu machen, dass wir etwa solche Genossen an die entscheidenden Stellen setzen, die ihrer Qualifikation nach den vor ihnen stehenden Aufgaben nicht gewachsen sind; unser Sachbearbeiter verfügt über eine ausreichende wirtschaftliche Vorbildung und Erfahrung, so dass wir in dieser Beziehung vor Missgriffen geschützt sind. Unsere
Industrie- und Handelskammern
sind nachgeordnete Organe des Landesamts für Wirtschaft. Wir verkennen keineswegs ihre Bedeutung, wollen aber, um uns nicht zu zersplittern, vordringlich die Besetzung der entscheidenden Kommandohöhen, d. i. also das Landesamt für Wirtschaft, fest in die Hand bekommen. Die Industrie- und Handelskammer übt ja auch vorläufig noch mehr oder minder nur beratende Funktion aus, dennoch sind auch hier die kompromittierten Nationalsozialisten selbstverständlich entfernt worden. Jedoch müssen wir den Ausbau dieser Stelle zu einem [für] 1 uns entscheidenden Instrument mit einer aktiven Aufgabenstellung uns für den Monat Dezember vorbehalten.
Auch im Landesamt für Arbeit sitzen, obwohl es von einem Sozialdemokraten geleitet wird, unsere fähigen Genossen an entscheidender Stelle.
Unser Wirtschaftsaktiv, das wöchentlich einmal zusammenkommt, setzt sich wie folgt zusammen:
Vorsitzender: N i c k e l, BL.
F e i l e n, - Geschäftsführer der Thüringischen Verwaltungs GmbH
S t r a m p f e r, - Prokurist und Hauptreferent der Thüringischen Verwaltungs GmbH
A l e x, Referent für Firmen und Betriebe der Thüringischen Verwaltungs GmbH
N e u b a u e r, - dasselbe
S i e g e l, - Hauptreferent im Landesamt für Wirtschaft
P e t e r s, - Referent „ „ „ „
F r o m m h o l d, - Oberreg.Rat im Landesamt für Arbeit
D o l l i n g, - Reg.Rat „ „ f. Finanzen
K o h n e n, - Direktor Wiederaufbauamt der Stadt Nordhausen
Eine Erweiterung des Aktivs um einige Genossen, die in den entscheidenden Wirtschaftsbezirken G r e i z und A l t e n b u r g an führender Stelle stehen, ist für die nächste Woche vorgesehen.
Wir wollen in diesem Bericht davon absehen, auf wichtige Einzelfragen einzugehen, damit er nicht zu umfangreich wird, werden aber in Zukunft über alle wesentlichen Fragen einmal im Monat, um den 15. herum, einen Bericht einsenden. Wenn Euch bestimmte Fragen besonders interessierten, bitten wir uns diese rechtzeitig vorzulegen, damit sich das Aktiv in einer Sitzung damit beschäftigen kann.
Noch besser wäre natürlich eine persönliche Aussprache und wir bitten zu erwägen, ob nicht ein Genosse von dort – mit vorheriger schriftlicher oder telefonischer Anmeldung – einmal hierherkommen kann.
Mit komm. Gruss!Kommunistische Partei DeutschlandsBezirksleitung Thüringen
[ Unterschrift ]

Quelle: Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde,Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR, Zentrales Parteiarchiv [der SED], NY 4182, Nr. 952, Bl. 16r-19r (ms. Ausfertigung).

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