Nr. 70f
16. November 1945
Bericht des Landespräsidenten Rudolf Paul und des 1. Vize-Präsidenten Ernst Busse in der Landesverwaltung Thüringen über die Berliner Beratung

N i e d e r s c h r i f tüber die Sitzung der zivilen Verwaltung des Landes Thüringenam 16.11.1945.

Anwesende:Präsident des Landes Thüringen Dr. P a u lVize-Präsident B u s s eVize-Präsident Dr. A p p e l lLandesdirektor B ö h m eLandesdirektor B r a c kLandesdirektor Dr. D r e c h s l e rLandesdirektor M o o gLandesdirektor Dr. T y c z k aLandesdirektor Dr. W o l fOberregierungsrat K r u p k a Oberverwaltungsgerichtspräsident Dr. L o e n i n g. 1

Berliner Tagung. Die Sitzung wird eröffnet mit einem Bericht des Präsidenten und 1. Vizepräsidenten über die Tagung am 13. und 14. November in Berlin, die unter dem Vorsitz von Marschall Shukow mit der russischen Militär-Administration, den Präsidenten und Vizepräsidenten der Länder und Provinzen der russischen Okkupationszone und den Zentralverwaltungsstellen stattfand. Die Tagung wurde auf Grund eines Schreibens des Präsidenten des Landes Thüringen bzw. des Landes Sachsen bezüglich der Befugnisse der Zentralverwaltungsstellen einberufen. Weiterhin sollte ein Gedanken- und Erfahrungsaustausch der Länder ermöglicht werden. 2 Im Großen und Ganzen war ein gutes Ergebnis zu verzeichnen, so daß angeregt wurde, eine ähnliche Zusammenkunft aller 2 Monate durchzuführen. 3 Thüringen hat gut abgeschnitten, insbesondere im Hinblick auf die Bodenreform. 4 Vizepräsident Busse gab detaillierte Ausführungen hierzu, sowohl in Berlin als auch in der heutigen Sitzung. Im wesentlichen ist in Thüringen die Bodenreform durchgeführt, es bleibt lediglich die Verteilung des Waldes übrig, wobei derart verfahren wird, daß der Wald teils den Gemeinden und teils den Bauern unter Berücksichtigung seiner Lage zugesprochen wird. Thüringen besteht in der Hauptsache aus klein- und kleinstbäuerlichen Betrieben, so daß die Aufteilung des Landes weniger Schwierigkeiten als z.B. in Mecklenburg bereitet, wo ein ganzer Kreis von Gütern noch nicht zur Aufteilung kommen konnte. Dieses Land ist den Ostumsiedlern vorbehalten worden. Mecklenburg hat auf 1,5 Millionen Einwohner 3 Millionen Ostumsiedler aufzunehmen. Die Beschaffung von Häusern, ganzen Dörfern und landwirtschaftlichen Geräten ist hier auch von einer ganz anderen Bedeutung als in Thüringen. Bei der Berichterstattung gaben die Vertreter Thüringens als erste Vortragende den Kurs an. In Bezug auf die Zentralverwaltungsstellen ist von Marschall Shukow entschieden worden, daß diese bestehen bleiben, aber ihre Rechte abgegrenzt werden. Es darf nicht mehr vorkommen, daß von den Zentralverwaltungsstellen aus Übergriffe in die Verwaltung der einzelnen Länder erfolgen. Sie haben nicht das Recht, auf Ernennungen einzuwirken oder unmittelbare Anweisungen zu geben. In der sowjetischen Zone haben die Vertreter der Zentralverwaltungsstellen, sobald sie in ein Land kommen, zuerst mit dem Präsidenten des Landes Fühlung zu nehmen und mit ihm ihr Arbeitsprogramm durchzusprechen.Der Bericht über die Wirtschaftslage ergab, daß in Thüringen von 5345 Betrieben 4500 wieder angelaufen sind. Der Anlaufprozeß ist jedoch gefährdet, wenn es nicht gelingt, die Transportfrage zu regeln. Im Augenblick ist es so, daß in Berlin ca. 25000 Waggons aller Länder zusammengelaufen sind, die den Eigentümern noch nicht wieder zugeleitet werden konnten. Thüringen hat in 2 1/2 Monaten 8000 Waggons verloren. Ein energisches Eingreifen der Zentralstelle Eisenbahn muß unbedingt erreicht werden, denn bisher hat diese noch nichts zur Behebung des Zustandes getan und hat sich auch auf der Berliner Tagung ausgeschwiegen.Von Landespräsident Dr. Paul wurde in Berlin der Antrag gestellt, daß das Solvey-Werk in Bernburg nicht zum Abbruch kommt, da dieses die Lebensgrundlage für die Thüringer Hohlglas- und Glasindustrie ist. Laut mehreren Gutachten ist das bei Eisenach gewonnene Leichtsoda für die Glasindustrie nicht verwendungsfähig. Landesdirektor Dr. Ty[c]zka bestätigt kurz darauf, daß die Einwilligung zur Belassung des Bernburger Werkes bereits eingegangen ist.Das Arbeitsbeschaffungsprogramm zeigt, daß in Thüringen wieder 942.000 Arbeiter und Angestellte beschäftigt werden. Arbeitslos sind 122.000, davon 10600 Schwerkriegsbeschädigte, 63000 Frauen, 20400 Angestellte und 28000 alte und ortsgebundene Kräfte. Frei verfügbar sind demnach 20400 Angestellte, die so schnell wie möglich den Mangelberufen – Maurer, Tischler usw. – zuzuführen sind.Die Elektrizitätslage ist durch den Wassermangel der Saaletalsperre außerordentlich gespannt.Durch das Zurückgehen der Telefonanschlüsse von 63000 auf 19000 und Beschränkung der Fernleitungen auf ein Fünftel ist eine wesentliche Erschwerung der Wirtschaft eingetreten. Die Beschränkung hat in den übrigen Ländern der russischen Okkupationszone ebenfalls stattgefunden.Das Handwerk ist voll beschäftigt, leidet aber großen Mangel an Fachkräften, der durch eine Umschulung großen Ausmaßes behoben werden soll. Ebenfalls fehlt Rohmaterial.Dem Waggonmangel muß durch schnelle Reparatur der beschädigten Wagen und verkürzte Abladefristen gesteuert werden. Wie sich gezeigt hat, kann dadurch sehr viel erreicht werden. Ein Vorschlag des Landespräsidenten Dr. Paul ging dahin, daß die Militär-Administration von den rund 20000 Trophäenwagen einen Teil zur Behebung der Notlage im Transportwesen zur Verfügung stellt. Durch den Mangel an Betriebsstoff und Gummi ist das Hauptgewicht auf den Eisenbahnverkehr zu legen. Leuna und Böhlen sind für die Treibstoffproduktion ausgefallen. Die Kohlenhalden sind zur Zeit ziemlich leer, da Sachsen den größten Teil des Vorrates abgefahren hat.Es ist damit zu rechnen, daß Thüringen eine wesentlich größere Zulassung für Kraftfahrzeuge erhält.Das Ablieferungssoll ist erfüllt worden bis auf das von Öl und Eiern. Im nächsten Jahr ist vorgesehen, die Druschzeit später zu legen, um die Herbstbestellung der Felder rechtzeitig durchführen zu können. In der Tierzucht hat Thüringen noch 90 % des Bestandes von 1944, mit Ausnahme der Schweine mit 50 bis 60 %. Mecklenburg, Brandenburg und alle übrigen Länder liegen bei weitem niedriger. Eine Abgabe ist mit Rücksicht auf die grauenvolle Lage der übrigen Länder zu erwarten. 3000 Tonnen Fleisch müssen nach Berlin abgegeben werden. In Bezug auf Kalorien liegt Thüringen an der Spitze, während in Sachsen und Brandenburg monatelang kein Fleisch verteilt werden konnte. Die Kindersterblichkeit ist infolgedessen in den übrigen Ländern auch wesentlich höher als in Thüringen. Ein neues Rationierungssystem ist in Aussicht genommen, und zwar sollen die Hausfrauen, die jetzt unter „übrige Bevölkerung“ rangieren, in die Gruppe der Beschäftigten fallen, obwohl dies eine erhebliche Mehrbelastung der verfügbaren Lebensmittel bedeutet. Ebenso soll eine Neureglung für Tuberkulose-Krankenhäuser geschaffen werden. Auch für die Kleinstkinder soll alles getan werden, um den halben Liter Vollmilch täglich zu erhalten, dazu Steigerung der Produktion an Kindernährmitteln und Erhöhung der Ration von 300 auf 500 g. Die Auflage an Kartoffeln ist erfüllt, weitere Bestände sind vorhanden, so daß eine Mehrabgabe erfolgen könnte. Dagegen spricht die sowjetische Militär-Administration, die das Minus in den Finanzen durch Abgabe von aus den restlichen Kartoffeln gebrannten Schnaps für 60 RM das Liter ausgleichen will. Der Präsident der Provinz Sachsen hat dagegen beantragt, zuerst die Ernährung sicherzustellen.Die befürchtete Finanzkrise ist nicht eingetreten. Die Banken und Sparkassen haben ausreichende Einlagen und tragbare Inanspruchnahme der Kredite.Gesundheitslage: Der Typhus hat eine steigende Tendenz. Die Bevölkerung wird durch regelmäßige ärztliche Kontrolle überwacht. Schutzimpfungen sollen mit Impfstoffen aus dem Westen vorgenommen werden.In der Volksbildung ist Thüringen mit Wiederaufnahme des Betriebes in 95 % aller Schulen voran, auch in Bezug auf Säuberung der Ämter und Lehrkörper von Nazisten. Der Vertreter der Sowjet-Militär-Administration hat zugesagt, daß die Zahl der Zulassungen an der Universität erhöht werden soll.Der Vertreter von Marschall Shukow, General Sokolowski, hat Folgendes aufgegeben:
1. Das Landesamt für Landwirtschaft soll berichten, ob das Land Thüringen in der Lage wäre, den Ausgleich zu liefern, der benötigt wird, um die Hausfrauen aus der Gruppe 6 in eine Klasse für Beschäftigte zu nehmen.
2. Der freie Markt ist stärker zu fördern. 5
3. Die Vorbereitungen für die Frühjahrsbestellung sind zu treffen, Kali, Stickstoff usw. – Düngemittel sind in Sachsen in ausreichenden Mengen vorhanden.
4. Im Rapsanbau darf nicht nachgelassen werden. Es ist für die Sicherstellung des Puders zur Bekämpfung des Glanzkäfers zu sorgen.
5. Mehr Gewicht auf Kleintier- und Schweinezucht.
6. Es ist seitens der Landesverwaltungen nachzuprüfen, was bezüglich der Umsiedler geschieht. Kontrollen sind durchzuführen.
7. Reparaturteile sollen aus dem Westen geholt werden, nach Möglichkeit sind diese jedoch in Thüringen zu erstellen.Marschall Shukow hielt die Schlußansprache. Aus der Rede ging hervor, daß der Marschall auf sämtlichen Gebieten vorzüglich orientiert ist. Die Landesverwaltungen wurden aufgefordert, in scharfer Weise den Gerüchtemachern entgegenzutreten, unter sofortiger Inhaftierung derselben. Dem deutschen Volke muß immer wieder vor Augen geführt werden, was die Nazis getan haben. Marschall Shukow sprach die Versicherung aus, daß von ihm aus alles geschehe, um zu helfen. Die Handelsbeziehungen nach dem Westen werden unterstützt. Zur Säuberung der Landesverwaltung von Nazisten wurde gesagt, daß es keinen Unterschied zwischen kleinen und nicht kleinen Nazis geben soll. Der Verwaltungsapparat ist restlos zu säubern. Infolgedessen die Verfügung: Die Landesverwaltung muß mit dem heutigen Tage gesäubert sein, die übrigen Verwaltungen bis zum 1. Januar 1946.Zu der Frage der Beziehungen zum Westen führte Vizepräsident Busse aus, daß diese zwar gepflegt werden sollen, aber daß nicht viel zu erwarten sein wird. Die Industrie liegt dort noch völlig lahm. Die geförderte Kohle geht nach Frankreich, Belgien und auch England. Für die Industrie und die Zivilbevölkerung bleibt fast nichts übrig. Ein regelmäßiger Verkehr existiert nicht.Landesdirektor Moog erhebt die Frage der Regelung der Bankenangelegenheit, worauf Landespräsident Dr. Paul erwidert, daß keinerlei Änderung komme.Landesdirektor Dr. Drechsler fragt, wie die Säuberung der Krankenhäuser von Nazisten durchzuführen sei. Wenn alle Nazisten herauskommen, dann müssen die Krankenhäuser geschlossen werden. Dasselbe gilt für die Universitätskliniken. Leider ist dieser Punkt in Berlin nicht angeschnitten worden. Kapazitäten sind Sonderfälle.
[…] 6

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar ,Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 459, Bl. 174r-180r, hier Bl. 174r-178r (ms. Ausfertigung); abgedr. in: Berichte (1989/D), S. 133-136.

1 2 3 4 5 6