Nr. 70e
o. D.
Protokollarischer Bericht über den ersten Beratungstag am 13. November 1945

Bericht über die Beratung der Präsidenten der Provinzial- und Landesverwaltungen, der Vize-Präsidenten und der Präsidenten der Zentralverwaltungen mit den Chefs der sowjetischen Militär-Administration und Marschall Shukow

I. Referat des Präsidenten der Thüringer Provinzialverwaltung, Dr. Paul

Dr. Paul beschränkte sich in seinen Ausführungen im wesentlichen auf statistische Angaben.

Industrie: Von 5345 Betrieben arbeiten bereits 4400. Von der Gesamteinwohnerzahl von 2,9 Millionen sind 942300 Menschen beschäftigt. Es gibt noch etwas über 100.000 Arbeitslose. Davon sind:
63.000 Frauen
10.600 Schwerkriegsbeschädigte
20.000 kaufmännische Angestellte und Beamte, die sich in Umschulung befinden.
Handwerk: Im Handwerk sind 50.000 Menschen beschäftigt. Es besteht ein erheblicher Mangel an Fachkräften, der jetzt durch Umschulung gelindert wird.
Transport: Der Waggonpark vermindert sich zusehends. Am 1. August hatte Thüringen noch 17.000 Waggons, am 4. November 1945 ist die Waggonzahl auf 8.000 zurückgegangen. Die Waggonverluste erklären sich durch den Transport nach Berlin, wo die Waggons bleiben und nicht mehr zurückkehren. Im Raum Berlin befinden sich jetzt 20.000 Eisenbahnwaggons. Trotz grosser Anstrengungen auf dem Gebiet der Reparatur von Eisenbahnwaggons wird dieser Ausfall für Thüringen nicht wettgemacht.
Kohlenfrage: Der Waggonmangel macht sich vor allen Dingen in der Kohlezufuhr bemerkbar. Die Kohlenförderung wurde über 100% erfüllt. Thüringen fördert pro Tag 68.000 Tonnen Kohle, doch nur 20.000 bis 30.000 Tonnen können abtransportiert werden. Die Frage der Kohlenzufuhr steht und fällt mit der Transportfrage.
Lastwagen: Um diese Schwierigkeiten zu beheben bitten wir die SMA die Zulassung von Lastwagen zu erhöhen. Thüringen besitzt 37.000 LKWs. und PKWs., doch nur 9.700 sind zugelassen. In den letzten Wochen haben wir durch Beschlagnahme 1000 verloren.
Landwirtschaft: Das Ablieferungssoll für alle landwirtschaftlichen Produkte ist zu 100% und mehr erfüllt worden, nur Öl und Eier sind nicht planmäßig geliefert worden. Die Herbstbestellung wurde zu 92% erfüllt. Nachteilig hat sich ausgewirkt, dass durch den Befehl der SMA die Druschzeit so früh und so kurz bemessen war. Wir schlagen vor, die Druschzeit im nächsten Jahr später zu verlegen und die Druschzeit nicht so kurz zu bemessen.
Verpflegungssystem: Das Verpflegungssystem von der SMA mit den 5 Klassen ist von der Bevölkerung nicht günstig aufgenommen worden. Bevorzugt wurden die Städte Erfurt und Weimar in Bezug auf Verpflegung. Diese Städte sind jedoch hauptsächlich Beamtenstädte. Die Arbeiter der Industriestädte Gera und Jena bemerken mit Recht, dass sie zu kurz gekommen sind.
Verhältnis zu den Zentralverwaltungen: Wir als Leitende der Provinz haben zunächst die Bildung der Zentralverwaltungen begrüsst. Die Zentralverwaltungen begnügen sich jedoch nicht nur damit, die Arbeit zu koordinieren, sondern greifen selbstständig in die Arbeit der Provinzen ein. Das ist untragbar. Ich als Präsident bin für die Provinz verantwortlich und kann nicht zulassen, dass sich die Zentralverwaltungen in alle Fragen ohne mein Wissen einmischen. Es kann nicht sein, dass die Zentralverwaltungen ohne mein Wissen Einstellungen und Absetzungen vornehmen. Ich spreche wohl im Namen aller, wenn ich behaupte, dass wir die Zentralverwaltungen begrüssen, aber doch vorschlagen, dass kein Gesetz ohne Kontakt mit der Provinzialverwaltung herausgegeben wird. Ich bitte den Herrn Marschall um klare Umreissung der Aufgaben der Zentralverwaltungen und der Aufgaben der Provinzialverwaltungen. Das ist besonders wichtig bei der Transportfrage.
Shukow: Wer soll Ihrer Meinung nach über die Transportfrage entscheiden, die Provinzialverwaltung oder die Zentralverwaltung?
Dr. Paul: Darauf kann ich nur antworten, dass es vor der Einrichtung der Zentralverwaltung in der Transportfrage besser stand.
Shukow: Für wen war das besser? Für Thüringen oder die ganze Zone?
Dr. Paul: Da muss ich Ihnen recht geben. Für die gesamte Zone ist es besser. Aber es ist doch nicht richtig, dass in Berlin 20.000 Eisenbahnwaggons sind,
Shukow: Da haben Sie vollständig recht!
II. Referat des Vizepräsidenten Thüringens, B u s s e, über die Bodenreform.In Thüringen gibt es insgesamt 152.776 Wirtschaften mit 862.747 ha. Davon sind 104.507 Wirtschaften unter 5 Hektar.Über 100 Hektar gibt es 464 Wirtschaften mit 86.206 Hektar.Diese 86.206 Hektar unterliegen also der Bodenreform.Bis jetzt wurden verteilt:63.739 Hektar Ackerland39.273 Hektar WaldDer Wald ist noch lange nicht ganz aufgeteilt, während die Aufteilung des Ackerbodens fast vollständig durchgeführt wurde. Bei den kleinen Bauern macht sich zunächst eine starke Ablehnung gegen die Aufteilung des Waldes bemerkbar. Erst, nachdem eine Aufklärung darüber gegeben wurde, hat sich ihre Einstellung geändert. Die Aufteilung des Ackerlandes und der Wiesen wurde von der ganzen Bevölkerung stark begrüßt.
Die Ergebnisse der Bodenreform:Durch die Bodenreform erhielten:3.240 landlose Bauern - insgesamt 21.796 Hektar6.135 landarme Bauern - insgesamt 19.750 “1.847 Umsiedler - insgesamt 11.840 “6.419 Kleinpächter und Landarbeiter insgesamt 7463 Hektar7.639 Betriebsarbeiter in der Umgebung der Städte 8.622 HektarInsgesamt beantragten 40.356 Menschen Land. Durch die Bodenreform haben bis heute 16.767 Menschen Land erhalten.
Zusammensetzung der Kommission der Bodenreform:In Thüringen bestanden 1.945 Kommissionen zur Durchführung der Bodenreform. Die Vorsitzenden setzten sich wie folgt zusammen:
Parteilos: - 1.170
KPD: - 476
SPD: - 262
CDU: - 20
Demokraten: - 16
Shukow: Welche Partei hat sich am aktivsten für die Bodenreform eingesetzt?
Busse: Das ist aus der Statistik ersichtlich. Die Kommunistische Partei war die aktivste Partei bei der Vorbereitung und bei der Durchführung der Bodenreform.
Shukow: Und danach?
Busse: Die SPD.
Shukow: Gab es eine Partei, die sich der Bodenreform widersetzte oder völlig passiv beiseite stand?
Busse: Ja. Die Christlich-Demokratische Union; einer ihrer Leiter wurde abgesetzt 1 und auch sonst erwies sie sich als unfähig.
Shukow: (leicht lächelnd) Ja, in der Christlich-Demokratischen Union gibt es anscheinend sehr viele unfähige Leute.
Busse: Jetzt bestehen die Hauptaufgaben in folgendem:
1.) Unterkünfte für die Bauern zu schaffen;
2.) Ställe für das Vieh zu bauen;
3.) den Bauern Maschinen zur Verfügung zu stellen;
4.) Saatgut den Bauern zu geben;
5.) Öl für die landwirtschaftlichen Maschinen zu beschaffen;
6.) den neuen Bauernwirtschaften Kredite zu ermöglichen.
III. Rede des Präsidenten der Zentralverwaltung für Land- und Forstwirtschaft Edwin Hoernle 2 Wir haben alle in den Reden von Dr. Paul und Busse vermisst, dass sie nicht ein einziges Wort über Fehler und Schwächen ihrer Arbeit gesprochen haben. Ausserdem muss ich bemerken, dass die statistischen Angaben, die hier vom Vizepräsidenten Busse gegeben wurden, nicht übereinstimmen mit den Angaben, die mir zur Verfügung stehen. Die Zahl der Güter über 100 ha. in Thüringen ist viel grösser als die von Busse angegebene Zahl. In Wirklichkeit hat es in Thüringen annähernd 800 Güter über 100 ha gegeben und heute gibt es noch 100 Güter mit insgesamt 22.000 ha, die nicht aufgeteilt sind. Das bedeutet, dass 25% des Grossgrundbesitzes in Thüringen noch nicht aufgeteilt sind und der Zweck der Bodenreform noch nicht erreicht ist. Im Amt für Land- und Forstwirtschaft in Thüringen sind bis heute noch 100 Nazis beschäftigt. Der Leiter des Amtes, der erst vor kurzem abgesetzt wurde, 3 hat nichts dagegen getan. Das Amt für Land- und Forstwirtschaft hat die Bodenreform nicht im geringsten unterstützt, sondern höchstens hemmend gewirkt. Unter den Bauern Thüringens herrschte darüber grosse Empörung. Das Amt für Land- und Forstwirtschaft Thüringen hat die Verteilung des Ablieferungssolls auf die denkbar schlechteste Weise durchgeführt, sodass die grössten Ungerechtigkeiten vorkamen. (Hoernle bringt einen genauen Fall, wo in einem Gebirgsdorf unter den denkbar ungünstigsten Bedingungen 8 Doppelzentner pro Hektar abgeliefert werden mussten, während auf fruchtbarster Erde im Tal 4 Doppelzentner verlangt wurden.) Die Bauern dieses Dorfes haben sich an alle Instanzen gewandt, um eine Abänderung zustande zu bringen, aber das Amt für Land- und Forstwirtschaft hat nichts unternommen. Das zwingt zu dem Schluss, dass hier bewusste Sabotage vorliegt.
Shukow: Dieses von Ihnen gegebene Beispiel ist ein unerhörter Fall. Was hat die Zentralverwaltung getan, um das abzuändern?
Hoernle: Wir haben das der Thüringer Verwaltung übergeben, aber sie hat bis heute nichts getan.
Shukow: Und warum hat die Zentralverwaltung von sich aus nichts getan? Wenn ich das erfahren hätte, ich hätte mich sofort persönlich eingemischt.
Hoernle: Wir sind nicht in der Lage, uns in allen solchen Fällen direkt einzumischen, weil wir dazu nicht die Menschen und nicht die Möglichkeiten (Transport) haben. Es wäre aber wichtig, bestimmte Kontrollorgane der Zentralverwaltung zu schaffen. Man muss ganz offen erklären, dass das Landwirtschaftsamt von Thüringen keine operative Arbeit geleistet hat und dass dort bis heute noch nazistische Umtriebe herrschen.
Antwort-Rede des Präsidenten Thüringens, Dr. Paul:Ich begrüsse jede Kritik und bin ausserordentlich froh, dass Präsident Hoernle über die Fragen in Thüringen gesprochen hat. Doch in den Ausführungen Hoernles zeigt sich, dass die Zentralverwaltungen aus zufälligen Einblicken heraus über die ganze Provinz urteilen. Es ist eine feststehende Tatsache, dass Thüringen alle Anweisungen der SMA und des Herrn Marschalls vollständig erfüllt hat. Was die Frage der Nazis betrifft, so darf man nicht vergessen, dass Thüringen ein früheres Musterland Hitlers war und bis heute fast alle Nazis entfernt wurden.
General Serow: Und aus den Handelskammern wurden auch alle Nazis entfernt?
Dr. Paul: Nein, noch nicht. Aber ich gebe das Versprechen ab, dass bis zum 15. November aus allen diesen Stellen die Nazis entfernt werden.
IV. Referat des Präsidenten der Zentralverwaltung für die Brennstoffindustrie, Dr. Friedensburg. 4 Obwohl ich auch zu der Partei gehöre, die der Herr Marschall als so unfähig genannt hat, möchte ich doch nun dem Herrn Marschall und den Herren Generälen zeigen, dass es dort auch fähige Leute gibt. 5 Die Kohlenproduktion in der Sowjetzone wurde nicht nur erfüllt, sondern darüber hinaus mehr produziert als vorgesehen war. Es ist jedoch zu bemerken, dass jetzt 645.000 Tonnen Kohle liegen und nicht abgefahren werden können. Auch hier ist die Transportfrage die entscheidende Frage. Um die Frage der Kohlebelieferung für die Aufrechterhaltung der Industrie zu lösen, sind folgende Massnahmen nötig:
1. Für den Kohlentransport mehr Waggons zur Verfügung zu stellen;
2. Für bestimmte Industriezweige ist Koks und Kokskohle notwendig, die nicht in der sowjetischen Okkupationszone liegen und die wir aus anderen Zonen erhalten müssen.
3. Zur Aufrechterhaltung des Bergbaus brauchen wir bestimmte Reserveteile der Maschinerie, die wir ebenfalls nur aus anderen Zonen erhalten können. Ich verweise daher den Herrn Marschall darauf, dass es unbedingt notwendig ist, die wirtschaftliche Vereinheitlichung Deutschlands schnellstens herbeizuführen, um diese lebensnotwendigen Materialen erhalten zu können. Die Aufrechterhaltung der Kohlenproduktion ist nicht möglich, wenn es nicht gelingt, bald die wirtschaftliche Vereinheitlichung Deutschlands herzustellen.
Shukow: Das ist doch vollständig klar. Darüber braucht man doch nicht mehr zu sprechen. Ich glaube nicht, dass die wirtschaftliche Vereinheitlichung Deutschlands schneller zustandekommt, wenn wir uns mit Ihnen hier darüber unterhalten. Es wäre besser, Sie würden berichten, was man unter den jetzigen schwierigen Bedingungen tun kann. 6
Friedensburg: Wir arbeiten Pläne aus, um neue Kohlenvorkommen zu bearbeiten. Im Süden der Provinz Brandenburg liegt ein grösseres Kohlenbecken, das früher nicht ausgenutzt wurde. Wir beginnen jetzt geologische Untersuchungen, um vielleicht in diesem Jahr noch von dort Kohle zu fördern. Auf die Brandenburger Kohle werden wir jedoch in grösserem Masse erst in 2 bis 3 Jahren rechnen können.
Über die Frage der Zentralverwaltungen.Der Gedanke der Zentralverwaltungen ist gesund und richtig. Bei vernünftiger Arbeit ist eine gute Zusammenarbeit möglich. Augenblicklich bestehen jedoch ungünstige Bedingungen, da die Zentralverwaltungen 3 bis 4 Monate später mit der Arbeit begannen, als die Provinzialverwaltungen, die bereits vorher geschaffen worden waren. Als alter preussischer Beamter, der lange in Verwaltungsstellen Preussens gearbeitet hat, kann ich erklären, dass eine gewisse Überschneidung immer vorkommt. Das geschieht in allen Ländern und unter allen Systemen. Auch eine genaue Abtrennung der Kompetenzen ist kaum möglich. Trotzdem ist es sehr erschwerend für die Arbeit der Zentralverwaltung, dass die ZV. nur den Provinzialverwaltungen Vorschläge machen können, nicht aber bestimmte verpflichtende Instruktionen geben können.
Shukow: Was meinen Sie: Würde es die Arbeit erleichtern, wenn die wichtigsten Betriebe der Brennstoffindustrie und die Eisenbahnen in Zukunft für die gesamte sowjetisch besetzte Zone zentral geleitet werden. Würde das nicht eine Erleichterung der Arbeit geben?
Friedensburg: Ich glaube, das ist nicht nötig. Das Beste wäre, den ZV. ein Instruktionsrecht zu geben, das für die Provinzialverwaltungen verbindlich ist. 7
Zusammenarbeit mit der SMAWenn es schon schwer ist, sich eigenen Vorgesetzten zu fügen, so ist es natürlich doppelt schwer, den Sowjetbehörden zu folgen. Es ist notwendig, uns Leitern der ZV. mehr Bewegungsfreiheit zu geben.So z.B. wurde mir angedeutet, dass wir keinen direkten Kontakt mit den Präsidenten der Provinzialverwaltungen und den Präsidenten anderer ZV. haben sollen.
Shukow: Solche Anordnungen habe ich nie gegeben. Sie haben selbstverständlich nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, immer im engen Kontakt mit den Präsidenten der Provinzialverwaltungen und ZV. zu stehen, es sei denn, dass es sich nicht um dunkle Machenschaften handelt.
Friedensburg: Ich danke Ihnen, Herr Marschall, für diese Antwort. Weiterhin wurde uns mitgeteilt, dass wir keinen zu engen Kontakt mit der Presse haben sollen.
General Serow: Welche Presse meinen sie? Sprechen Sie von der englischen und amerikanischen Presse?
Friedensburg: Nein, ich spreche von der Berliner Presse.
Shukow: Das ist ja lächerlich. Ich bin im Gegenteil daran interessiert, das Sie an der Berliner Presse mitarbeiten. Die deutschen demokratischen Zeitungen stehen einem jeden Deutschen offen, mit Ausnahme der Nazis oder solcher Menschen, die nazistische oder militaristische Gedankengänge verbreiten wollen. Die Presse steht gerade den ZV. immer offen und alles kann gebracht werden, mit Ausnahme einiger geheimer Produktionsziffern.
Referat des Präsidenten der Zentralverwaltung für Industrie, Herrn Skrzypczynski. 8
Skrzypczynski betont die Notwendigkeit einer guten freundschaftlichen und festen Zusammenarbeit der ZV. mit der Provinzialverwaltung und berichtet über die Erfolge der Industrie in den letzten Monaten. Das schwierigste Problem für die Industrie ist die Rohstoff-Frage und die Frage einiger Ersatzteile.Zusammenarbeit mit der Sowjetischen Militär-Verwaltung.Wir erhalten von der SMA eine ausserordentliche Unterstützung. Die SMA macht zweifellos berechtigte Vorwürfe, dass die deutschen Verwaltungen besser arbeiten müssen.
Shukow: Werden die Befehle, die von der Sowjetischen Militärverwaltung erlassen werden, vorher mit Ihnen besprochen?
Skrzypczynski: In der ersten Zeit geschah das nicht. Das führte zu einer Reihe von Unklarheiten. Doch jetzt werden alle Befehle vorher mit uns besprochen und beraten. Die Zusammenarbeit ist ausserordentlich gut. Schwierigkeiten bestehen jedoch mit den Kommandanten in den Betrieben.
Shukow: In den Betrieben gibt es ja gar keine Kommandanten. Sie haben sich wahrscheinlich den Titel zugelegt, in den Betrieben gibt es nur Vertreter.
Skrzypczynski: Ja, mit diesen Werksvertretern hatten wir eine Reihe Schwierigkeiten.
Shukow: Stören die Vertreter auf den Betrieben die Arbeit?
Skrzypczynski: Jawohl!
Shukow: Berichten Sie bitte darüber genauer.
Skrzypczynski: Auf einem grossen Glaswerk, das für Berlin Glas liefern sollte, befahl der Kommandant, das Glas nicht zu liefern. Ich fuhr mit dem Vertreter der SMA dorthin, um sofort anzuordnen, das Glas nach Berlin zu bringen. Zwei Stunden nach unserer Abfahrt erklärte der Kommandant, dass die Glasfabrik ihm unterstehe und dass sie das Glas nicht zu liefern braucht. Dieser Kommandant wurde dann abgesetzt. Im allgemeinen kann ich erklären, dass in den meisten Fällen solche Kommandanten dann abgesetzt wurden.
Shukow: Können Sie mir eine Liste verschaffen von allen Kommandanten in den grösseren Betrieben? Ich werde dann das Nötige veranlassen.
Skrzypczynski: Jawohl, aber das wird etwa 10-14 Tage dauern.
Shukow: Geht es nicht schneller?
Skrzypczynski: Nein, die Verbindung ist ausserordentlich schlecht.
Shukow: Nun, dann muss man sich damit abfinden. (Lachen im Saal).
Skrzypczynski: Von ganz grosser Bedeutung für die Industrie ist es, dass wir möglichst bald gewisse Ersatz- und Reparaturteile erhalten. Diese Reparaturteile sind zum grossen Teil bereits bestellt und bezahlt, befinden sich aber in anderen Zonen. Die Ersatzteile sind wert- und mengenmässig von geringem Wert, aber für unsere Industrie von der allerwichtigsten Bedeutung, da sie sehr gebraucht werden und hier in dieser Zone nicht hergestellt werden können. Es wäre dringend notwendig, diese Ersatzteile zu erhalten.
Shukow: Haben Sie darüber eine Aufstellung und die Belege?
Skrzypczynski: Sie befinden sich in der SMA.
Shukow: Ich werde alles tun, dass Sie diese Ersatzteile erhalten. Abschliessend hätte ich folgende Frage an Sie: Halten Sie es für richtig, wenn die wichtigsten Fabriken und Werke der Kompetenz der Provinzialverwaltung entzogen werden und Ihnen direkt unterstellt werden?
Skrzypczynski: Jawohl, das würde die Arbeit fördern.
Shukow: Übergeben Sie mir morgen die Liste der Betriebe, die zentral geleitet werden müssen.
Referat des Präsidenten der Landesverwaltung Sachsen, Friedrichs.In Sachsen mussten wir mit einem vollständigen Neuaufbau der gesamten Verwaltung beginnen. Wir haben vor allen Dingen neue Kräfte aus der Arbeiterklasse zu den Verwaltungen herangezogen und haben damit die besten Resultate erzielt.
Zusammenarbeit mit der SMA.Wir haben eine sehr enge und gute Zusammenarbeit und sind uns in dieser Arbeit auch persönlich nähergekommen. Die Zusammenarbeit erwies sich als äusserst fruchtbringend. Die einzige Schwierigkeit ist, dass manche Termine zu kurz gestellt werden. Bei der Durchführung der Befehle kommt es schliesslich nicht darauf an, dass sie nun gerade in 10 Tagen durchgeführt werden, sondern dass sie gut und richtig durchgeführt werden. Die schnelle Durchführung wird auch dadurch erschwert, dass der Telefonverkehr sehr schlecht ist, die Post 8-10 Tage und sogar Telegramme 2-3 Tage brauchen. Dadurch ist es manchmal beim besten Willen nicht möglich, etwa in 10 Tagen durchzuführen, wo man die Hälfte der Zeit dazu braucht, den Befehl überhaupt erst zu übermitteln.
Shukow: Ich habe Anweisung gegeben, einen direkten Telefonverkehr der Präsidenten der Provinzialverwaltungen, der Präsidenten der Zentralverwaltung und der SMA mit den wichtigsten Institutionen einzurichten.
Über die Zentralverwaltung.Die Einrichtung der ZV. ist unbedingt zu begrüssen, denn sie ist eine Notwendigkeit. Manchmal jedoch besteht eine zu starke Einmischung in die Provinzialangelegenheiten. Man kann z.B. nicht von Berlin aus alle Richter in der gesamten Zone ernennen. Dann muss man auch bedenken, dass die Industrie-Betriebe jeweils in vielen Fragen (Arbeitsvermittlung, soziale Fürsorge, Nahrungsmittel usw.) mit der Umgebung zusammenhängt.
Transportfragen. Sachsen hat augenblicklich drei Reichs[ bahn ]direktionen 9 , das erschwert die Verwaltung des Transports sehr stark. Ich stelle die Bitte, die Eisenbahn für das Land Sachsen zu vereinheitlichen und eine einzige Reichsbahndirektion für Sachsen zu schaffen.
Shukow: Und wem soll sie unterstellt sein?
Friedrichs: Sie kann Berlin unterstellt sein, aber sie muss einheitlich für Sachsen sein. Dann ist die Frage der Autos von grosser Wichtigkeit. Augenblicklich sind 25.000 Autos für Sachsen zugelassen. 35.000 Autos sind da, aber sind noch nicht zugelassen worden. Ich bitte um die Zulassung für diese Autos.
Shukow: Das wird sofort geschehen.
Friedrichs zur Frage der Arbeitslosen. Von den 6 Millionen Einwohnern in Sachsen ist augenblicklich 1.9 Millionen beschäftigt. Es gibt jedoch noch 165.000 Arbeitslose. 10
Shukow: Wie kann man sie in den Produktionsprozess einreihen?
Friedrichs: Eine Reihe der grössten Betriebe beginnt jetzt erst zu arbeiten. Dadurch wird die Arbeitslosigkeit sehr bald liquidiert werden. Man muss jedoch bedenken, dass fortwährend Kriegsgefangene zurückkehren. Zugleich mit der Arbeitslosigkeit haben wir auch einen Mangel an Spezialisten. Es gibt jetzt noch 60.000 unbesetzte Stellen, da keine Spezialisten da sind.
Kohlenfrage.Die Kohlenproduktion wurde erfüllt und übererfüllt. Im Monat Oktober betrugen die Ziffern:Steinkohle 139,5%Braunkohle 116,3 %Briketts 100 % Dabei muss berücksichtigt werden, dass unsere besten Bergarbeiter nicht da sind. Das Durchschnittsalter der Bergarbeiter beträgt augenblicklich 47 Jahre. Sie arbeiten mit allergrösster Hingabe, daher 11 man muss alles tun, um ihnen ihr Leben zu erleichtern.
Über die Zentralverwaltung.Die Frage des Verhältnisses zwischen Zentralverwaltung und Landesverwaltung müsste folgendermassen geregelt werden:Die Gesetzgebung muss sich in Händen der ZV. befinden, wenn es sich um Gesetze für die ganze Zone handelt. Die Verwaltung muss in den Händen der Länder und Provinzen sein. Wenn wir die ZV. zu sehr zentralisieren, dann schaffen wir Schwierigkeiten später bei der Vereinheitlichung Deutschlands. Ausserdem muss man berücksichtigen, dass gerade in den zentralen Verwaltungsstellen sich immer die reaktionärsten Kräfte versteckten, während in den Provinzialverwaltungen und Gemeindeverwaltungen ein viel fortschrittlicher Geist herrschte.
Kreditfrage.Wir geben denjenigen Fabriken und Werken Kredit, die wir in ihrem Aufschwung bevorzugen wollen.
Industrie.In Sachsen wurden 600 Fabriken demontiert, darunter auch Werke der Schlüsselindustrie. Durch Verhandlungen ist es gelungen, bei jeder demontierten Fabrik eine Restzelle zu belassen. Wir beginnen jetzt mit einem grosszügigen Maschinenaufbau, indem wir eine genaue Erfassung aller Maschinen vornehmen und an die lebensnotwendigsten Betriebe leiten.
Shukow: Also auf der Basis der abmontierten Betriebe entstehen jetzt neue Betriebe?
Friedrichs: Jawohl, wir schaffen die Maschinen dorthin, wo es für die Industrie und für den Aufbau am notwendigsten ist.
Shukow: Wer führt diesen Maschinenaustausch durch und mit wem wird er besprochen?
Friedrichs: Der Plan geht von der Landesverwaltung aus und ist der SMA unterbreitet worden.
Friedrichs über die Landwirtschaft.Die Ernte ist restlos eingebracht und die Herbstbestellung restlos durchgeführt. Die Ziffern betrugen bis zum 10.Nov.1945:Wintergerste - 164 %Raps - 94 %Weizen - 95 % Die Schwierigkeiten liegen im Transport. 12 Von den uns zustehenden Lebensmitteln (bis März 1946) haben wir bis heute nur 15 % erhalten. Der Transport entscheidet heute alles, sowohl Lebensmittel als auch Dünger und Industrieprodukte.
Shukow: Sie sprachen vorhin von 35.000 Autos. In welchem Zustand befinden sich die Wagen und welche Tonnage haben sie?
Friedrichs: Das kann ich nicht sagen, sie sind noch nicht völlig erfasst.
Shukow: Sie sprachen vorhin, dass Sie die Lebensmittel nur zu einem kleinen Teil erhalten haben. Können sie Lastwagenzüge aus etwa 10.000 LKWs. zusammenstellen, um die Lebensmittel nach Sachsen heranzuschaffen?
Friedrichs: Ja, aber die Frage des Brennstoffs.
Shukow: Den Brennstoff liefern wir natürlich. Aber wann haben Sie die Wagen zusammengestellt?
Friedrichs: Etwa in 2-3 Tagen. Man muss bloss die Wagen erst erfassen.
Shukow: Geben Sie mir die Angaben möglichst bald, ich messe dem eine grosse Bedeutung zu.

Quelle: Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR, Zentrales Parteiarchiv [der SED], NY 4182, Nr.1084, Bl. 28r-40r (ms. Ausfertigung).

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