Nr. 70c
31. Oktober 1945
Aus dem Protokoll der Sitzung der Landesverwaltung Thüringen über die Rechte der Landesverwaltung und die „Reinigungsaktion“ zur Entnazifizierung der Verwaltung

N i e d e r s c h r i f tüber die Sitzung der zivilen Verwaltung des Landes Thüringenam 31.10.1945.

Anwesende:Präsident des Landes Thüringen Dr. P a u lVize-Präsident Dr. A p p e l lVize-Präsident Dr. K o l t e rLandesdirektor M o o gLandesdirektor B r a c kLandesdirektor Dr. D r e c h s l e rLandesdirektor Dr. W o l fLandesdirektor B ö h m eMinisterialdirektor Dr. T y c z k a

Rechte der Landesverwaltung:
Herr Präsident Dr. Paul hat bezüglich der Rechte der Landesverwaltung Thüringens 2 Briefe ausgefertigt.
1. An Generalmajor Kolesnitschenko bezüglich Eingriffe einzelner russischer Offiziere in Verwaltungsangelegenheiten und
2. an Marschall Shukow betreffs Zuständigkeit der Zentralverwaltungen.
Allgemein ist festzustellen, daß die Zentralstellen die Landesämter zu Exekutivämtern machen wollen. Abgesehen von den wirtschaftlichen Gefahren hätte das unbedingt eine Ausschaltung der demokratischen Selbstverwaltung zur Folge. Die beiden Schreiben finden allseitige Zustimmung.
Vize-Präsident Dr. Kolter 1 schildert Eindrücke seiner Berliner Reise und unterstreicht, daß die Zentralstellen noch völlig ungenügend aufgezogen sind.
Landesdirektor Brack erklärt, sogar die Reichsversicherungsanstalt greife stark in das Verwaltungsrecht des Landes ein. So wird vorgeschlagen, wie die einzelnen Referate zu gliedern seien. Die Befugnisse der Zentralstellen müßten klar abgegrenzt werden; ferner sollen Forderungen der Zentralverwaltungen nicht an die einzelnen Landesämter gehen, sondern an den Präsidenten des Landes Thüringen. Präsident Dr. Paul schlägt vor, ihm alle Post von den Zentralverwaltungen zuzuleiten. Der Vorschlag wird einstimmig angenommen.
Reinigung der Ämter von Nazisten.
Vize-Präsident Dr. Kolter erklärt, daß die augenblickliche Reinigungsaktion 2 in seinem Amt zu großen Schwierigkeiten führen werde. Er könne daher nicht umhin, drei Leute weiter zu beschäftigen, und bitte um Unterstützung des Präsidenten bei der SMA.
Landesdirektor Moog berichtet, daß heute alle Nazisten entlassen wurden. Einige zur Zeit noch unersetzliche Kräfte werden ab morgen dienstverpflichtet. Landesdirektor Brack hat im Landesamt für Sozialfürsorge ebensolche Schwierigkeiten bei den Entlassungen, hauptsächlich bei den Krankenkassen. Wenn alle Faschisten bis Freitag entlassen werden sollen, dann müssen verschiedene Krankenkassen geschlossen werden.
Von Seiten entlassener Beamter werden neuerdings Zeugnisse von zuverlässigen Leuten gebracht, daß sie sich schon seit längerer Zeit im antifaschistischen Sinne betätigt haben. Präsident Dr. Paul bittet, solche Fälle schriftlich zu begründen, um sie der Militär-Administration gegenüber vertreten zu können. Landesdirektor Dr. Wolf schlägt in diesem Zusammenhang vor, ein sogenanntes Rehabilitationsgericht zu schaffen.
In allen Landesämtern ergeben sich erhebliche Schwierigkeiten in der Neubesetzung mit einigermaßen ausreichend geschulten Kräften. Präsident Dr. Paul bittet, Parteibeschlüsse für eine weniger rasche Durchführung der Reinigungsaktion im Interesse einer ordentlichen Verwaltungsarbeit beizubringen. Er deutet jedoch in diesem Zusammenhang auf Bayern hin, wo die Verwaltung hundertprozentig gesäubert wurde.
[…] 3

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 459, Bl. 170r-173r, hier Bl. 170r, 171r (ms. Ausfertigung).

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