Nr. 68b
13./19. November 1945
Bericht über eine Arbeitstagung „Soziale und wirtschaftliche Betreuung der Umsiedler“

PIT Weimar, den 19. November 1945Aus der Praxis für die PraxisAufnahme und Unterbringung der Umsiedler aus dem Osten in Thüringen

PIT. Weimar
In den letzten Wochen sind etwa 500.000 Menschen aus dem Osten nach Thüringen gekommen. Erst eine spätere Zeit wird zeigen, wie gewaltig die Aufgaben sind, die uns aus dieser Umsiedlungsaktion erwachsen. Tausende von Menschen treffen täglich in den großen Auffanglagern in Gera, Altenburg und Erfurt ein, geschwächt durch die Strapazen der Reise, kaum mit dem Nötigsten bekleidet. Alles nur Mögliche wird getan, um diesen bedauernswerten Opfern der nationalsozialistischen Politik schnellstens wieder eine Heimat zu geben. Über die Lager der Stadt- und Landkreise werden sie weiter geleitet in die einzelnen Gemeinden.
Welch ungeheure Organisation und Arbeitsleistung nötig war und ist, um die bisher bestehenden 170 Lager für Umsiedler in Thüringen 1 einzurichten, kann jeder ermessen – stoßen wir doch in allen Wirtschaftszweigen und Lebenslagen auf die Schwierigkeiten des Transports, der Lebensmittel- und Kohleversorgung. Trotzdem ist es gelungen, die Lager mit Betten und Decken auszustatten, Großküchen einzurichten, die für die Gemeinschaftsverpflegung sorgen, die erforderlichen Lebensmittel heranzuschaffen und auch die gesundheitliche Betreuung der Umsiedler sicher zu stellen.
Nähstuben und Schusterwerkstätten werden jetzt in den Lagern eingerichtet, damit die dringendsten Ausbesserungsarbeiten von den Umsiedlern selbst in den Lagern ausgeführt werden können.
In diesen Wochen anstrengender Arbeit haben sich natürlich immer neue Probleme ergeben. Deshalb wurden am 13. November die Leiter der Arbeitsstäbe, die die Umsiedler in den Land- und Stadtkreisen betreuen, von der Abteilung für Umsiedlung des Landesamtes für Kommunalwesen 2 zu einer Arbeitsbesprechung in Weimar zusammengerufen, die unter dem Thema „Soziale und wirtschaftliche Betreuung der Umsiedler“ stand.
In kurzen Referaten schnitten Oberregierungsrat Bieligk, 3 Reg. Rat Keppel und Frau Dr. Dischler die wesentlichsten Fragen an, die dann in lebhafter Diskussion erörtert wurden.
Bei der großen Zahl der Umsiedler, die Thüringen bisher aufgenommen hat und in den folgenden Monaten noch aufnehmen muß, steht jede einzelne Gemeinde vor der Tatsache, daß sich ihre Einwohnerzahl verdoppeln wird. Diese bedeutet nicht nur ein Zusammenrücken in den Wohnungen, auch Kleidung, Haushaltsgegenstände, Kohle und Lebensmittel sind für die neu Hinzugekommenen zu beschaffen. Wir müssen immer wieder daran denken, daß wir diesen durch den Krieg gänzlich arm gewordenen Menschen eine neue Heimat geben müssen, daß sie der ortsansässigen heimischen Bevölkerung gleichgestellt wird, und in keiner Beziehung hintenangestellt werden dürfen.
Komitees der gegenseitigen Hilfe in Form von Umsiedlerausschüssen müssen in jeder Gemeinde gegründet werden, um eine enge Fühlungnahme zwischen Verwaltung und Umsiedlern herzustellen und deren Bedürfnissen Rechnung zu tragen.
Aufgabe der jetzt im Aufbau befindlichen „Thüringer Volkshilfe“ 4 wird es [möglich] sein, alle verfügbaren Kräfte und Reserven an Kleidung, Schuhwerk, Haushaltsgegenständen zu mobilisieren und den Notleidenden zur Verfügung zu stellen.
Die größte Aufgabe der Leitung der einzelnen Umsiedlerlager ist die Herrichtung der Lager für den Winter und die Einrichtung von Quarantänelagern. Die Umsiedler, die oft wochenlang unterwegs waren, bringen Ungeziefer und leichtere und schwerere, oft ansteckende Krankheiten mit, die keinesfalls in die Gemeinden verschleppt werden dürfen. Sinn und Zweck der Quarantänelager ist eine gründliche ärztliche Untersuchung und Kontrolle der Ankommenden, um das Auftreten von Seuchen schon in ihrem Kern zu ersticken.
Eine Frage von weitgehendster Bedeutung nicht nur für die Umsiedler selbst, sondern für die gesamte Thüringische Wirtschaft und Industrie ist die Arbeitsbeschaffung für alle, die im Sudentengau, in Schlesien usw. ihre Arbeitsstelle verloren haben. Bereits in den großen Auffanglagern werden die Leute beruflich erfaßt und Spezialarbeiter sofort dorthin geleitet, wo sie benötigt werden.
Haider Glasmaler, deren bunt bemalte Schalen und Vasen wir früher den Geschäften bewunderten, und Gablonzer Fachleute, deren Bleikristall und Glasschmuck weltbekannt sind, wurden in Ilmenau angesiedelt und haben in Zusammenarbeit mit der dortigen Industrie schon leistungsfähige Betriebe aufgebaut. Auch Bad Berka hat mit der Errichtung eines kunstgewerblichen Betriebes, der 150 Umsiedler-Frauen beschäftigt, einen tatkräftigen Beitrag zur Lösung dieser schweren Frage geleistet.
Oberregierungsrat B i e l i g k sprach eingehend über die Rückführung der Westevakuierten, die jetzt Thüringen verlassen müssen, damit Raum für die Riesenzahl der Ostumsiedler wird.
Trotz aller Maßnahmen und Warnungen haben die Westevakuierten durch ihre überstürzten Abreisen untragbare Verhältnisse an der Grenze heraufbeschworen und damit sich selbst die Rückreise erschwert. Von jetzt ab ist es nur noch möglich, mit planmäßigen Transporten, zu denen die Evakuierten aufgerufen werden, Thüringen zu verlassen. Jeder kann so viel Gepäack mitnehmen, wie er tragen und auf einem Handwagen verstauen kann.
Für den Transport wird Marschverpflegung zur Verfügung gestellt, so daß Vorgriffe auf die Lebensmittelkarten unnötig und verboten sind. Wer diese Vorschrift nicht beachtet, wird die unangenehmsten Folgen zu tragen haben; auch die Geschäftsleute, die im voraus Waren liefern, werden zur Rechenschaft gezogen.
Die abschließende Aussprache der Tagung zeigte, daß die gestellten Aufgaben für keinen der Betieligten leicht sind, daß es aber möglich ist, sie unter Ausnutzung aller gegebenen Möglichkeiten, mit Tatkraft und Initiative zu lösen. Allerdings ist unbedingte Notwendigkeit, daß auch von Seiten der Bevölkerung alles getan wird, um die Umsiedler unterzubringen, sie wieder auszustatten und ihnen, wo es nur angeht, Hilfe angedeihen zu lassen, damit sie sich wirklich bei uns zu Hause fühlen und tatkräftig am Aufbau Thüringens mitarbeiten können.
Van Diemen

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 248, Bl. 84r-86r (ms. Ausfertigung).

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