Nr. 64b
11. Dezember 1945
Bericht der „Thüringer Volkszeitung“ über eine Vortragsreihe des Landespräsidenten zur Unterstützung der Aktion

Thüringen führt im WiederaufbauRechenschaftsbericht von Landespräsident Dr. Paul

Zur Unterstützung der Thüringen-Aktion gegen die Not hat Landespräsident Dr. Paul kürzlich in den größeren Städten Thüringens, so inErfurt, 1 Jena und Altenburg, öffentliche Reden gehalten, die eine Art Rechenschaftsbericht über die bisherige Tätigkeit der Landesverwaltung darstellen und so die demokratische Verbundenheit der regierenden Stellen mit dem Volke bekunden. Mit Stolz konnte Dr. Paul in seinen Ausführungen herausstellen, daß Thüringen beim Wiederaufbau im gesamten deutschen Raum an der Spitze steht. Der Weg zu dieser Spitze war allerdings nicht leicht, sondern er führte über Arbeit, Sorge und Verantwortung. Deshalb forderte Präsident Dr. Paul seine Hörer auf, auch in diesen harten Wintermonaten mit im Zuge, im Gespanne zu bleiben. „Gehen Sie mit mir diesen harten Weg“, so schloß Präsident Paul, und „wir wollen eines nicht vergessen: Thüringen ist unsere Heimat, unser Vaterland aber heißt Deutschland!“
Ein Blick auf die westlichen Besatzungszonen
Zu Beginn seines umfassenden Berichts gab Dr. Paul einen Rundblick durch die verschiedenen Besatzungszonen. Danach arbeiten in B a y e r n erst rund 15 Prozent der Betriebe. Thüringen hat mit Bayern einen Vertrag geschlossen auf Lieferung von Käse, Butter, Fleischwaren, Schwefelkies, Zellulose, Kindernährmittel, Milch, Autoreifen usw. 2 Mit W ü r t t e m b e r g und Nord-Baden, die ebenfalls unter a m e r i k a n i s c h e r Verwaltung stehen, ist ein solcher Austauschvertrag mit Thüringen in Vorbereitung, und zwar sollen von dorther Kindernährmittel, Malzextrakte, Obstsäfte, Frischgemüse, Frischobst, Anlasser, Zündkerzen, Zellulose und verschiedenes andere nach Thüringen geliefert werden. Mit G r o ß – H e s s e n verhandelt Thüringen wegen Autoreifen, chemischen Produkten, Arzneien und Impfstoffen. Auch in der b r i t i s c h e n Zone, so führte Dr. Paul aus, steht die Industrie und das Kulturleben in den ersten Anfängen des Wiederaufbaues. Im Ruhrgebiet arbeiten die Zechen zu 33 Prozent, jedoch wird die Kohle nach dem Westen abtransportiert, und die Bergarbeiter erhalten nur ein Drittel des früheren Deputats.In der f r a n z ö s i s c h e n Zone besteht noch keinerlei deutsche Landesverwaltung, geschweige denn eine deutsche Regierung. Von der deutschen Zivilbevölkerung werden dort sehr erhebliche Leistungen verlangt.Unterschiedliche Lage in der Sowjetzone
Im Gegensatz dazu hob Dr. Paul das rege Wirtschafts- und Kulturleben im s o w j e t i s c h besetzten Raum heraus. Nach der deutschen Tradition kann Militär zwar Krieg führen, aber nicht verwalten; Marschall Shukow habe diesen Satz mit seiner Militärverwaltung jedoch zu 100 Proz. widerlegt. Das hat auch die große Konferenz in B e r l i n bestätigt, die kürzlich von der Sowjetischen Militär-Administration mit führenden Männern aus allen Ländern und Provinzen der sowjetischen Zone stattgefunden hat. 3 Der gegenwärtige Stand in den einzelnen Gebieten der sowjetischen Zone ist folgender: M e c k l e n b u r g (einschließlich Vorpommern) hat jetzt 1,5 Millionen Einwohner, muß aber dazu 3 Millionen Umsiedler aus dem Osten aufnehmen, so daß die Einwohnerzahl auf 4,5 Millionen steigen wird. Die östlichen Teile des Landes haben schwer unter dem Krieg gelitten. B e r l i n mit seinen 3 Millionen muß von auswärts ernährt werden, und das lastet besonders schwer auf Thüringen und auf der Provinz Sachsen. Denn in B r a n d e n b u r g , besonders im östlichen Teil, hat die Landwirtschaft durch den Frontverlauf schwer gelitten. Die P r o v i n z S a c h s e n ist die Korn- und Zuckerkammer, sie hat auch die meiste Kohle; sie ist daher wirtschaftlich das reichste Land in der sowjetischen Zone, während das L a n d S a c h s e n durch die evakuierten Massen, die aus dem polnischen Raum und aus der Tschechoslowakei umsiedelten, in eine sehr schwierige Ernährungslage gekommen ist.
Thüringens Betriebe laufen
T h ü r i n g e n wird aus Unkenntnis oft als ein reiches Land bezeichnet, aber Dr. Paul hat in Berlin diese Legende mit Nachdruck zerstört. Ein Land, das in einer durchschnittlichen Meereshöhe von 275 Metern liegt, dessen Fläche zu einem Drittel mit Wald bedeckt ist, das kaum noch andere nennenswerte Bodenschätze außer Kali und nur wenig Kohle hat, ein Land, in dem auf dem Quadratkilometer 250 Menschen und mehr wohnen, ein solches Land kann wirtschaftlich niemals reich sein! Wenn Thüringen trotzdem sowohl im sowjetischen Raum als auch in ganz Deutschland an e r s t e r Stelle steht, so ist das darauf zurückzuführen, daß alle verantwortlichen Männer und die hinter ihnen stehenden demokratischen Kräfte vom ersten Tage an mit unverzagtem Mut und ungeheurem Fleiß an den Wiederaufbau herangegangen sind. Von den 5345 Industriebetrieben Thüringens sind 4500 Betriebe angelaufen. Beschäftigt sind gegenwärtig fast 950 000 Mann. Arbeitslose gibt es nur wenig, hauptsächlich Schwerkriegsbeschädigte, Angestellte und Frauen. Wir stehen vor einer Neuregelung der I n d u s t r i e- u n d H a n d e l s k a m m e r n in Thüringen. Angespannt ist die Stromversorgung: die Saaletalsperre hat infolge der Trockenheit wenig Wasser, von auswärts kommt Strom aus Böhlen in Sachsen, während Bayern als Stromlieferant ganz ausgefallen ist.Während unsere Industrie früher weltwirtschaftlich orientiert war, kann sich die Wirtschaft heute noch nicht einmal auf den deutschen Raum einstellen, sondern wird noch durch Zonen und Demarkationslinien behindert. Für die T r a n s p o r t k l e m m e ist kennzeichnend, daß früher im thüringischen Raum rund 100 000 Waggons zur Verfügung standen. Anfang August waren es noch etwa 17 300. Ein Teil der Waggons ist nach Westen abgelaufen. Weitere Waggons haben wir bei den Kalitransporten verloren und laufend bleiben Waggons in Berlin hängen. Das Transportproblem kann daher nur von der Zentrale aus und nicht von einem Lande gelöst werden. Während in der K o h l e versorgung früher Steinkohle aus Schlesien und von der Ruhr kam, sind wir heute auf die sächsisch-thüringische Braunkohle angewiesen, sie ist jedoch für Lokomotiven, Hochöfen, Schmiedearbeit und auch für Zentralheizungen wenig geeignet. Obendrein muß auch noch Berlin mit sächsisch-thüringischer Braunkohle versorgt werden.
Verbesserung der Rationierung
L a n d w i r t s c h a f t l i c h steht Thüringen in der Erfüllung seines Ablieferungssolls mit an erster Stelle: auch die Herbstbestellung ist weit vorangeschritten. Der R i n d v i e h bestand beträgt in Thüringen noch 90 % von 1944, der S c h w e i n e bestand noch 50 % vom September 1944. Uebergehend zur Rationierungsfrage, konnte Präsident Paul von dem Erfolg seiner Bemühungen in Berlin berichten und einige wesentliche Verbesserungenankündigen, die inzwischen bereits durch die Sowjetische Militär-Administration verfügt worden sind; darüber haben wir bereits ausführlich berichtet. Besonderes Augenmerk hat die Landesverwaltung auf die Verbesserung der Kinder- und Säuglingsernährung gelegt; neuerdings werden Kinder-Nährmittel in großen Mengen in Thüringen selbst hergestellt oder von auswärts herangeschafft.Die E i n w o h n e r z a h l Thüringens beläuft sich zur Zeit auf 2,0 Millionen, dazu kommen noch etwa 730 000 Evakuierte. Die K r i e g s s c h ä d e n in Thüringen werden auf rund eine M i l l i a r d e Reichsmark geschätzt. Nach dem Zusammenbruch der Reichsfinanzen ist ein Neuaufbau der Steuerverwaltung in den Ländern notwendig gewesen. Die Bankenreform mußte trotz aller Bedenken schließlich doch durchgeführt werden; inzwischen ist aber die Belastungsprobe des Bankenapparates überstanden. Die Landesbank arbeitet heute in 70 Filialen und 79 Sparkassen. Die Barreserven sind mit rund 500 Millionen Reichsmark sehr reichlich. Präsident Paul streift auch das p o l i t i s c h e Leben und betonte, daß erkeiner Partei angehöre und über den Parteien stehen wolle. Die Ausmerzung der aktiven Nazis wird, soweit sie noch nicht beendet ist, mit aller Energie durchgeführt: nicht betroffen wird jedoch davon die J u g e n d, weil alle […] 4 Im Rahmen der Thüringen-Aktion gegen Not, so hob Dr. Paul noch hervor, gilt unsere besondere Sorge den Kindern; sie sollen nicht an unserer Not leiden. Zum Weihnachtsabend wird jedes Kind, ohne Unterschied, ob die Eltern in der Nazi-Partei waren oder nicht, von dieser Aktion gegen die Not ein Geschenk erhalten.

Quelle: Thüringer Volkszeitung, 11.12.1945.

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