Nr. 63n

Schreiben Hermann Brills an Landesdirektor Leonhard Moog mit der Bitte um Auskunft, ob eine Aufsichtsratssitzung der Thüringischen Verwaltungs-Gesellschaft erforderlich sei

6. Dez. 45
HerrnLandesdirektorLeonhard M o o gW e i m a rLandesamt für Finanzen

Sehr geehrter Herr Moog!Wie mir mündlich berichtet worden ist, hat der Chef der zivilen Verwaltung des Landes Thüringen, Herr Gardegeneralmajor Kolesnitschenko die sofortige Auflösung der Thüringischen Verwaltungs-Gesellschaft befohlen. Als Vorsitzender des Aufsichtsrates bitte ich Sie, mir Ihre Auffassung als Gesellschafter darüber mitzuteilen, ob in Anwendung der gesetzlichen Vorschriften und der Bestimmungen der Gesellschaftssatzung eine Sitzung des Aufsichtsrates notwendig ist, oder der sowjetische Befehl in einer anderen Form so durchgeführt werden soll, dass mit seiner Bekanntgabe jede Tätigkeit des Aufsichtsrats, seines Vorsitzenden und der Gesellschafterversammlung zum Erlöschen gekommen ist.Zur Begründung meiner Bitte weise ich darauf hin, dass mir das Verhältnis des sowjetischen Befehls zu den Vorschriften des Gesetzes über Gesellschaft mit beschränkter Haftung ungeklärt erscheint. Der Befehl, der mir übrigens nicht zugestellt worden ist, den ich nur vom Hörensagen kenne, soll eine Rechnungslegung bis zum 12. Dezember anordnen. Das würde an sich die gesetzliche Vorschrift, dass jeder Rechnungsabschluss von den Geschäftsführern dem Aufsichtsrat vorgelegt werden muss und dieser verpflichtet ist, Entlastung zu erteilen, nicht berühren. Da aber, wie ich höre, eine aus Parteikommunisten bestehende Kommission in den Räumen der Verwaltungs-Gesellschaft tätig ist und offenbar besondere Aufgaben hat, die in dem Befehl nicht genannt sind, so halte ich es für erforderlich, die notwendige Klärung zu schaffen, für die Sie als Gesellschafter zuständig sind. Ich, als Vorsitzender des Aufsichtsrats wäre nach dieser Klärung selbstverständlich bereit, der Gesellschafterversammlung alle Unterlagen zu einem Beschluss über die Auflösung der Gesellschaft zu unterbreiten.Da ich über meine Zeit disponieren muss, wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie mir Ihre Meinung unverzüglich mitteilen würden; ich möchte gern nächsten Montag, den 10. Dezember dazu benutzen, um die letzte Aufsichtsratssitzung zu veranstalten.
Mit kollegialem Gruss! Brill

Quelle: Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung Bonn-Bad Godesberg, 1/HBAJ (NL Hermann Brill), 000003, n. fol. (Durchschlag, ms. Ausfertigung).