Nr. 61c
20./22. Oktober 1945
PIT-Bericht über die Eröffnung
PIT Weimar, den 22. Oktober 1945
„Schaffendes Thüringen“
Eröffnung der Industrie- und Gewerbeausstellung in Weimar.
PIT Weimar. 1 Herbstsonne über der Stadt Goethes. Sie beschwört noch einmal Licht und Kraft der Beglückung und Reife, da sich das Jahr nach der Ernte dem Ende zuneigt. Nicht stehen die Scheuern voll; denn die Ernte gehört nicht uns allein in Thüringen, wir müssen sie teilen mit vielen, die mit uns die Mißgunst eines verlorenen Krieges teilen müssen. Und wir müssen wiedergutmachen, was wir in Jahren eines trügerischen eigenen Wohllebens gesündigt haben an der europäischen Völkerfamilie und darüber hinaus an der Menschheit der Welt. Wir sind uns darüber klar. Unabweisbar steht die Notwendigkeit vor uns, mehr als auszugleichen nur, was das Volk verbrochen hat, dem wir angehören und das den Namen Deutsch trug. Wer da von Zwang zu reden wagt, ist falsch verbunden und weiß nicht, worum es geht. Wer da meckert über das ausgebliebene Päckchen Seifenpulver, 2 wie die Schreiberin eines Briefes an Präsident Paul, der hat noch nicht begriffen, daß unsere Zeit ganz einfach keine Zeit mehr hat, sich um Kleinigkeiten zu kümmern. Präsident Dr. Paul hat dieses Wort – in Wiederholung eines alten Grundsatzes aus dem von den Nazis verpönten römischen Recht – gebraucht in seiner Begrüßungsansprache. In einer Ansprache, die den Ernst der Stunde ebenso herausstellte wie die berechtigte Freude über unser Thüringen und den Stolz auf dieses Land, das sich aus Verzweiflung und Not wieder emporgerafft hat und der Arbeit des Tages dient, um wieder Herr zu werden über die Zeit. Den zähen Selbsterhaltungstrieb, den eisernen Willen der wertschaffenden Arbeit, diese beiden sind ergänzende und schöpferische Kräfte, konnte der Präsident des Landes herausstellen als die wertvollen Komponenten des vielseitigen Wirkens der Arbeit, das über die Grenzen unserer Heimat hinaus Beachtung findet, wie es die Anwesenheit der Spitzen der russischen sowjetischen Administration ebenso bewies wie die der Präsidenten des Landes Sachsen und der Provinzen Brandenburg und Sachsen, denen neben einem großen Kreis einheimischer Gäste die herzlichen Begrüßungsworte galten. Sie gipfelten in dem stolzen Hinweis darauf, daß wir in wenigen Monaten nach dem völligen Zusammenbruch bereits wieder rüstig aufwärts schreiten auf dem Weg aus dem Chaos. De[n] fachmännische[n] 3 Beleg für diese Behauptung erbrachte Dr. Leonhard Tyczka, der stellvertretende Leiter des Landesamts für Wirtschaft, 4 in seiner Festansprache, die getragen war von der großen, aus der Zeit geborenen Verantwortung, die klar und nüchtern die Schwierigkeiten sieht und die Möglichkeiten kennt, beide gegeneinander, sie mit schöpferischem Willen überhöht und sich aus ehrlicher Erkenntnis und eben gleichem Streben nicht zu scheuen brauchte, die Dinge beim Namen zu nennen. Tyczkas von sorgfältigem Beobachtungsmaterial gestützte Ausführungen fassten die Bedeutung der Stunde zusammen in die Mahnung an alle, zusammenzustehen in der gemeinsamen Arbeit und Unterstützung zu leisten 5 bei der Lösung der ersten Aufgaben unserer Tage. Der von musikalischen Darbietungen der Weimarischen Staatskapelle umrahmte Festakt fand sein Ende mit der Eröffnung durch Landespräsident Dr. Paul und einem Rundgang durch die Ausstellung.

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 247, Bl. 251r, 252r (ms. Ausfertigung).

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