Nr. 61b
20. Oktober 1945
Eröffnungsansprache des Landespräsidenten Rudolf Paul
PIT Weimar, den 20. Oktober 1945 Eröffnungsansprache zur Ausstellung „Schaffendes Thüringen“ 11 Dr. Paul Meine Herren Generale! Meine Herren Präsidenten der Länder Provinz Sachsen, Brandenburg und Sachsen ! 12 Meine Herren Offiziere der Roten Armee! Sehr geehrte Damen und Herren! Nur wenige Meter trennen uns von den Räumen, deren Ausstattung Zeugnis davon ablegen soll, was das Thüringer Volk in Zeiten der Not wirtschaftlich vermag. Vor etwas mehr als sechs Monaten krachten noch Bomben in unser Thüringer Land, sassen noch Frauen, Greise und Kinder, von Goebbelschem Maulheldentum nahezu schutzlos jedem feindlichen Angriff aus der Luft und auf dem Boden preisgegeben zitternd in den Kellern der Städte und Dörfer. Die Herren „Kämpfer bis zur letzten Patrone“ jagten im sogenannten Absetzen sinnlos alle Brücken – die Adern unseres Verkehrs – in die Luft und konnten sich nicht genug damit tun, die letzten armseligen Vorräte unseres durch fünf Jahre Krieg ausgemergelten Volkes zu vergeuden oder durch Dynamit zu liquidieren. Dieses damals, diese Lebensnot, diese Verzweiflung auf der einen Seite , der selbstmörderische Wahnsinn auf der anderen Seite und der katastrophale Zusammenbruch all dessen, was einst Thüringen, Deutschland hieß, bedarf der Erwähnung . Gleich Schlafwandlern lief en die Deutschen 13 zwischen den alliierten Soldaten herum, die das Hitlerjoch abgehoben, zertrümmert hatten. Denke ich an diese ersten Wochen und Monate, so sehe ich eine Fülle von Dörfern und Städten, die sich nach mittelalterlichem Vorbild förmlich voneinander abschlossen, auf eigene Faust zu leben, zu wirtschaften versuchen. Dann kam die zweite Phase, städtemäßig sich zueinander zu finden, sich gegenseitig zu helfen, im Tauschhandel der Negerstämme miteinander zu verkehren. Es scheiterte in der Hauptsache 14 an den Verkehrsmitteln. Es bildete sich auch begrüßenswerterweise ein Land Thüringen, im wesentlichen nominell. Es kam der Besatzungswechsel, der Einmarsch der Roten Armee. Die Truppen Sowjet-Rußlands kamen nicht allein, sondern gleich den Legionen des alten Roms brachten sie einen Stab von Ingenieuren, Fachleuten jeglicher Art mit. Ich kam nach hier ins Amt und ich werde niemals den zweiten Tag meiner Amtstätigkeit vergessen. Da standen im Laufe eines Vormittags acht Landräte des Landes Thüringen in meinem Zimmer, zwei von Ihnen hatten Tränen in den Augen, und schrien förmlich die Not ihrer Landkreise hinaus: es fehlt an jeglichem Verkehr , das wirtschaftliche Leben drohte stillzustehen . Dann kam der Produktionsbefehl von Marschall Shukow, 15 gestützt auf statistisches Material. Wir haben auch bis dahin in Thüringen nicht gebummelt, wir haben früh, vielleicht früher als sonst irgendwo mit der Arbeit begonnen. Seit Wochen läuft aber die Arbeit in einer ganz klaren Linie: des beschleunigten Neuaufbaues! In einer Zeit der Not ist es Pflicht einer Landesverwaltung, den Glauben der Bevölkerung an eine bessere Zukunft, in unserem Falle des Aufbaues aus den Trümmern von gestern aufrecht zu erhalten. So habe auch ich wiederholt von Aufbau gesprochen. Und da bekomme ich vor wenigen Tagen einen Brief: „Herr Präsident! Sie haben bei uns in Nordhausen von Aufbau ge redet . 16 Wir haben uns damals alle sehr gefreut, und ich habe daran geglaubt. Heute muß ich Ihnen schreiben, ich habe mein Päckchen Seifenpulver immer noch nicht bekommen….“ Es tut mir leid ob dieses Päckchens Seifenpulver, wie es mir oft unsagbar viel schwerer wird, nicht helfen zu können, wo ich helfen möchte. Aber, meine Damen und Herren, gehen Sie dann in die Ausstellung: Sie finden dort keine Schaumberge. Was gezeigt wird, kann geliefert werden. Gewiß ist nicht alles am ersten Tage einer ersten Ausstellung solcher Art bis ins letzte durchgeklügelt. So werden auch Sie, meine Herren Offiziere der Roten Armee, die Sie durch Ausstellungen in Moskau verwöhnt sind, diese und jene Verbesserung vorzuschlagen haben. Wir sind dankbar dafür. Im übrigen darf ich sagen: Im klassischen Rom gab es einen klassischen Satz: minima non curat praetor – um Kleinigkeiten kümmert sich der Richter nicht. Gehen Sie mit dem hohen Grundnenner solcher Lebensart durch die Ausstellung. Es hat ausgestellt kein Volk, das in der gleichmäßigen Entwicklung des Friedens, wohlgenährt, mit allen Produkten des Weltmarktes versehen, [hat ausgesellt], 17 sondern ein Land, im wesentlichen auf sich selbst gestellt, in der Ernährung den bescheidensten Nenner der Kalorien herabgedrückt, hat in seinem zähen Willen sich zu erhalten, Werte geschaffen. Sehen Sie sich an, was Thüringer Arbeiter und Unternehmer, ausgehend von einem Chaos in wenigen Monaten der Notzeit geschaffen haben. Ich bin gewiß, Thüringen wird bestehen. Ich kann meine Ausführungen nicht schliessen, ohne zuvor den Dank des Landes allen denen zum Ausdruck gebracht zu haben, die mithalfen. Mein Dank gilt in ganz besonderem Maße Ihnen, Herr Major Kaplun 18 und Ihnen , Frau Hohage, wenn die Ausstellung heute so steht, denn es ist zum guten Teil 19 Ihr Verdienst. Mit diesen Worten des Dankes und der Anerkennung darf ich meine Ausführungen schließen. Meine Damen und Herren, namens des Landes Thüringen erkläre ich die Ausstellung für eröffnet.

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 247, Bl. 270r-272r (ms. Ausfertigung mit hs. Korrekturen und Ergänzungen).

11 Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten Die Ausstellung fand im Weimarer Schloss statt; im April 1946 erklärte sich der SMATh-Verwaltungschef Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar werde, zumal die SMATh die Räume für sich benötige (Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, , Nr. 513, Bl. 323r [Aktennotiz v. 10.4.1946 über eine Besprechung Paul-Kolesnitschenko]). 12 Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten Hs. anstelle von „Herr Generaloberst“ (gestrichen); zu der am 18.12.1945 in Potsdam eröffneten Industrieausstellung der Provinz Brandenburg entsandten Paul und der SMATh-Verwaltungschef Kolesnitschenko nur Vertreter (Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar , , Nr. 513, Bl. 357r). 13 Hs. korrigiert; ursprünglich „lief das deutsche Volk“. 14 Hs. statt „im wesentlichen“ (gestrichen). 15 SMAD-Befehl Nr. 9 v. 21.7.1945 (Wiederingangbringung lebenswichtiger Industriebetriebe). 16 Hs. statt „gesprochen“. 17 Gestrichen. 18 1945/47 Chef der SMATh-Wirtschaftsabteilung. 19 Statt „im wesentlichen“ (gestrichen).