Nr. 60u
16. Januar 1946
Schreiben des Landespräsidenten Rudolf Paul an die SMATh zur Behandlung nomineller Mitglieder und in die NSDAP überführter Jugendlicher
16. Januar 1946.Dr. P./Ca.
An dieSowjet-Militär-AdministrationW e i m a r
Die 4 antifaschistischen Parteien des Landes erbitten eine Entscheidung über folgende Punkte.
1.) Auf Grund der in Berlin von den Zentralvorständen der 4 antifaschistischen Parteien beschlossenen Richtlinien sollen ehemalige Mitglieder der Nazipartei, von denen erwiesenermassen feststeht, dass sie sich trotz formeller Mitgliedschaft antifaschistisch betätigt haben und die auf Grund dieser Tatsache unter Zuziehung aller Parteien in eine der 4 antifaschistischen Parteien als Mitglied aufgenommen worden sind, nicht mehr als Nazisten gelten und in dieser Form behandelt werden. 1 Es ist mir nicht bekannt, ob diese in Berlin von den antifaschistischen Parteien beschlossenen Massnahmen bereits in anderen Ländern und Provinzen der Sowjet-Zone mit Genehmigung der Sowjet-Militär-Administration zur Durchführung gekommen ist. 2 Ich bitte die Sowjet-Militär-Administration, eine Entscheidung darüber zu geben, ob im Sinne dieser Berliner Beschlussfassung ehemalige Mitglieder NSDAP nach Erfüllung aller Bedingungen nicht mehr als Nazisten zu behandeln sind. Die Angelegenheit ist insofern dringend, als aus dem ganzen Lande Anfragen nach dieser Richtung kommen. Ich würde zustimmendenfalls dann ein entsprechendes Gesetz der Sowjet-Militär-Administration zur Genehmigung vorlegen. 3
2.) Die antifaschistischen Parteien bitten weiter um Klärung der Behandlung der Jugendlichen, die seinerzeit geschlossen, d.h. also ohne gefragt zu werden und ohne überhaupt jemals eine Beitrittserklärung abgegeben zu haben, einfach wegen ihrer Zugehörigkeit zu einem bestimmten Jahrgang in die Nazipartei überführt worden sind.Ich habe vor einiger Zeit einen entsprechenden Gesetzentwurf der Sowjet-Militär-Administration vorgelegt, ein endgültiger Bescheid hierauf ist mir nicht zugegangen.Ich bitte die Sowjet-Militär-AdministrationÜber die Angelegenheit zu entscheiden.Dabei darf ich zur Illustration dieses Punktes einen Fall erwähnen, der mir persönlich bekannt ist. In meinem Haus in Burgk wohnt ein Ehepaar Rudolph. Beide Eheleute sind und waren die ganze Nazistenzeit hindurch bekannte Antifaschisten. Ihr Sohn Roland Rudolph wurde nach Vollendung des 16. Lebensjahrs zusammen mit seinem Jahrgang in die Partei überführt, obwohl dieser Junge – ich kenne ihn seit seiner Geburt – alles andere als irgendwie nazistisch eingestellt gewesen ist.
(Dr. Paul)

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 646, Bl. 296r, 296v (ms. Ausfertigung).

1 2 3