Nr. 60q
13. Dezember 1945
Anonymes Schreiben an Vizepräsident Ernst Busse zur politischen Säuberung der Beamtenschaft
Weimar, den 13. 12. 1945
Herrn Präsident Busse Weimar .
Ein alter Grundsatz ist „gleiches Recht für alle“. Angewendet auf die Pgs heisst das, jeder müsste aus seiner Stellung heraus, nicht nur die Verwaltungsleute. Bei diesen scheint es sicher am wenigsten nötig, denn
1) wurden die Verwaltungsmänner gezwungen in die Nazipartei zu gehen, während es die Geschäftsleute freiwillig machten
2) ist ein Beamter immer von seinen Vorgesetzten überwacht, sodass er sich heute nie mehr nazistisch betätigen könnte und er unterliegt auch Beamtengesetzen, welche ihn hart fassen, täte er es doch.Dahingegen kann jeder Fleischer, Bäcker, Schneider, Optiker, Kaufmann, Arzt usw., der eifriger Nazi und grosser Spender war (meistens aus Erwerbssucht) in seinem Geschäft bleiben, weiter gut verdienen und ohne Kontrolle die Kunden, die ihm bleiben, beeinflussen. In den Amtsstuben wird nicht kritisiert, in Läden und Büros bestimmt eher.Es ist bestimmt verfehlt, was bis jetzt unternommen wurde und es hätte umgekehrt angefangen werden sollen. Und sicher brauchen die Verwaltungen viel mehr Fachmänner als die Kaufleute, die sich ins Fäustchen lachen, dass sie weitermachen können, unangetastet bleiben und die Beamten bluten müssen.Einer für viele.
[ Kürzel ]

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 255, Bl. 139r (ms. Ausfertigung).