Nr. 60o (1)
4./11. Dezember 1945
Niederschriften zweier Unterredungen mit Oberleutnant Morosow von der SMATh-Abteilung Inneres über Maßnahmen und Sonderregelungen
4. Dezember 1945
Unterredung mit Oberleutnant Morosow am 4. 12. 1945
Anwesend waren:
Präsidialkanzlei : Oberregierungsrat Bergner
Landesamt f. Kommunalwesen : Landesdirektor Böhme
Reinigungskommissar für das Landesamt f. Kommunalwesen Bredehorn.
Die Übersetzung führte Dolmetscherin Bischler.
Betr: zwangsweise in die NSDAP überführte BDM und HJ Angehörige.
Es ist entschieden worden, dass die zwangsweise in die NSDAP überführten BDM und HJ Angehörigen, sobald sie den Gegenbeweis ihrer Einstellung zum Faschismus erbracht haben, d.h. durch ihre aktive Mitarbeit am demokratischen Wiederaufbau, – in den Verwaltungen beschäftigt werden dürfen. Dieser Entscheid ist nicht zu verallgemeinern, da tatsächlich nur Ausnahmen infrage kommen.Was heisst Gegenbeweis ihrer Einstellung erbracht zu haben? –Der freiwillige Eintritt eines jungen Menschen in eine der vier zurzeit bestehenden Parteien. Durch den Eintritt in eine Partei wird der Betreffende von dem Ausschuss, der aus den vier Parteien besteht, überprüft und dieser trifft dann die Entscheidung, ob er als würdig für die Aufnahme befunden wird.Der geringe Teil der zurzeit noch in der Verwaltung beschäftigten Faschisten kann jetzt durch seine Initiative beweisen, dass er einverstanden ist mit dem demokratischen Wiederaufbau. Hat er Aufnahme in einer dieser Parteien gefunden, so kann er in seinem Amt belassen werden. Er soll selbst entscheiden und freiwillig versuchen Aufnahme in einer Partei zu finden. Diese ehemaligen Mitglieder der NSDAP, jetzt Zugehörige einer demokratischen Partei, werden in Zukunft in den Personalveränderungsmeldungen nicht mehr als Faschisten geführt. Es dürfen in Zukunft in den Personalveränderungsmeldungen der Stadt- und Landkreise in den Rubriken „Beamte“ und „Angestellte“ keine Faschisten mehr erscheinen, nur in der Rubrik „Arbeiter“. Es ist von unserer Seite die Erklärung gegeben worden, dass bei der Ascheabfuhr usw. (städtische Werke) für diese Schmutzarbeit jetzt ehemalige Mitglieder der NSDAP (Lehrer, Beamte usw.) herangezogen werden. Deswegen erscheine[n] diese in der Rubrik „Faschisten, die noch zurzeit beschäftigt werden unter „Arbeiter“. Wurden zurzeit der Naziregierung Kommunisten im Regierungsapparat geduldet? – Nein. Deswegen geht es nicht an, daß in der Landesverwaltung Faschisten beschäftigt werden, wenn sie auch über 70% schwerbeschädigt sind. Diese über 70 % Schwerbeschädigten und Blinde wurden zu jener Zeit besonders unter Druck gesetzt in die NSDAP einzutreten, da man von der Voraussetzung ausging, dass diese eintreten müssen, um nicht völlig ohne Existenzmöglichkeit zu bleiben. Um hier noch eine endgültige Regelung zu treffen, soll das Gesetz vom 10. Oktober 1945 vorgelegt werden. Es ist eventuell ein Austausch dieser Schwerbeschädigten in die Landratsämter oder in die Verwaltung der Oberbürgermeister vorgesehen.Neueinstellungen von Faschisten dürfen auf keinen Fall mehr stattfinden.
Weimar, den 4. Dezember 1945
Bischler

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Ministerium des Innern, Nr. 3449, Bl. 153r, 154r (ms. Ausfertigung); auch überliefert in: Land Thüringen - Ministerium des Innern, Nr. 3450, Bl. 205r, 206r.