Nr. 60b
23. Oktober 1945
Mitteilung des Personalreferenten der Präsidialkanzlei Edwin Bergner an Landespräsident Rudolf Paul über seine Unterredung mit dem Chef der SMATh-Abteilung Inneres Jakow J. Iwanow und dessen Mitarbeiter Morosow
An den Herrn Präsidenten Dr. Paul
Bei der Besprechung mit Herrn Oberstleutnant Iwanow am 23.10.1945 wurden von mir die Vorschläge der Herren Landesdirektoren, betreffs Ausnahmen von den Entlassungen der Beamten und Angestellten vom Regierungsrat aufwärts, unterbreitet.Herr Oberstleutnant Iwanow erklärte, es hätte sich bei den Ausnahmen nur um einen oder zwei Spezialisten handeln können und nicht um eine solche Zahl, wie sie vorgelegt wurde. Die Ausnahmen wurden abgelehnt mit der Begründung, er handele auf Befehl des Marschalls der Sowjet-Union, Shukow.Eine Änderung könne nur erreicht werden durch persönlichen Vortrag des Herrn Präsidenten Dr. Paul bei Herrn Garde-Generaloberst Tschuikow.Zur Zeit sind 32,1 % der Beamten, Angestellten und Arbeiter der Thüringer öffentlichen Verwaltungen noch tätig, die Mitglieder der NSDAP gewesen sind.Herr Oberleutnant Morosow erklärte, dass die allgemeine Reinigung so durchgeführt werden müsse, dass bis zum 1.1.1946 nur ungefähr 10 % frühere NSDAP-Mitglieder in den öffentlichen Verwaltungen beschäftigt sind.In Erinnerung an die Verhandlungen am 18.10.1945, bei denen der Präsident selbst zugegen war, forderte der Oberstleutnant Iwanow, dass alle Blockleiter der NSDAP in die Entlassungen mit einbezogen werden sollen.Den beiden Dolmetscherinnen, die bei den Verhandlungen die Übersetzung führten, ist nachträglich mit aufgegeben worden, bei den Entlassungen diejenigen Mitglieder der NSDAP mit einzubeziehen, die schon sehr frühzeitig in die Partei eingetreten sind.Dieser Vorschlag berührt nicht die „Alten Kämpfer“, sondern diejenigen, die nach dem 1.4.1933 in die Partei eingetreten sind.Allgemein wurde erklärt, dass weder die fachliche Eignung, noch die Stellung als Beamter oder Angestellter maßgebend sei für den Verbleib in der Verwaltung – sondern einfach die Zugehörigkeit zur NSDAP.Es ginge nicht an, dass in dem Veraltungsapparat – ganz besonders in der Landesverwaltung Weimar – ein so hoher Prozentsatz Faschisten tätig sind.
Bg / BergnerOber-Regierungsrat./

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Ministerium des Innern, Nr. 3449, Bl. 193 r, 194r (ms. Durchschrift).