Nr. 59h
10. August 1946
Schreiben des Jenaer Oberbürgermeisters Heinrich Troeger an den hessischen Staatssekretär Hermann Brill über Grundsätze des Wiederaufbaus zerstörter Städte und die Vorzüge des Thüringer Wiederaufbaugesetzes
Der Oberbürgermeister der Universitätsstadt Jena
HerrnStaatssekretär Dr. B r i l l W i e s b a d e n 10.8.1946.Staatskanzlei.
Dr. Tr./Mü.
Lieber Genosse Brill! Gestern kam eine erste Nachricht von Ihnen, 1 wenn auch nur indirekt, indem Dr. Blaum auf Ihre Anregung seinen Entwurf eines Wiederaufbaugesetzes für Frankfurt a.M. an mich zur Stellungnahme übersandte. Ich will nicht glauben, daß der Unterschied in der Behandlung öffentlicher Angelegenheiten auf allen Gebieten so groß ist, wie der Unterschied zwischen dem thüringischen Wiederaufbaugesetz und dem Entwurf von Dr. Blaum. Ich konnte von meinem Standpunkt nur wenig zur Kritik des Gesetzentwurfs sagen, weil wir in Thüringen nach ganz anderen Gesichtspunkten an diese Aufgabe herangegangen sind und uns von vornherein vorgenommen hatten, die formalistischen Bestimmungen früherer Enteignungsgesetze weitgehend zu vermeiden. Not kennt kein Gebot. Deshalb müssen Städte, die schwer unter dem Krieg gelitten haben, zur Überwindung ihrer Not sich frei bewegenkönnen, auch zu Lasten der Grundstückseigentümer, auch unter Vernachlässigung der bisherigen Rechtsgarantien für das Privateigentum und seine bisherige Nutzungsform. 2 Ich beantrage für Mitte September eine Reisegenehmigung nach Wiesbaden und habe Herrn Dr. Blaum geschrieben, daß ich zu einer Verhandlung über dieses Thema gern zur Verfügung stehe. Es wird nur leider nicht möglich sein, daß ich meinen Besuch rechtzeitig vorher ankündige.Ihre Gattin habe ich Ende Juli nicht mehr angetroffen, obwohl die Möbel noch in Weimar waren. Ich wollte mich gern verabschieden, nachdem ich zuvor den Auftrag einer Büchersendung nach Ohrdruf erledigt hatte. So hoffe ich denn, daß wir uns bald wieder sehen und nehme es als ein günstiges Zeichen, daß ich mich von Ihnen und Ihrer Gattin nicht verabschieden konnte. Hier in Jena geht alles im alten Schritt weiter. Das 100-jährige Jubiläum der Firma Carl Zeiss im November dieses Jahres 3 wirft seine Schatten voraus. Die Stadt soll dann zum dritten Male seit meinem Amtsantritt 4 einen Feiertag haben. Meine Frau läßt Sie und Ihre Gattin bestens grüßen und wünscht alles Gute. Ich schließe mich an und verbleibeIhr ergebener Troeger
Anlage. 5

Quelle: Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Best. 502, Nr. 3465, n. fol. (ms. Ausfertigung).

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