Nr. 59g
19. November 1945
Schreiben des Jenaer Oberbürgermeisters Heinrich Troeger an das Landesamt des Innern zur Denkschrift „Raumordnung und Wiederaufbau der Städte“ der Magdeburger Akademie für Städtebau
Der Oberbürgermeister der Universitätsstadt Jena
Jena, den 19. November 1945Dr. Tr/Pf.
Andas Landesamt des InnernW e i m a r
Betrifft: Wiederaufbau der zerstörten Städte und Dörfer.AZ.III Wab.1/Nr. 016. H/So/M. v. 9.11.45
Zu der Denkschrift der Deutschen Akademie für Städtebau in Magdeburg, 1 die sich nur mit allgemeinen Fragen des Wiederaufbaus befasst, möchte ich bemerken, dass mir der Kernpunkt für die Praxis in dem letzten Absatz des Abschnittes „Ausbau der kleinen Städte“ zu liegen scheint, wo es wörtlich heisst: „Alle Mittel für den Wohnungsbau wären dann zur Förderung der Verlagerung in den kleinen Städten und nicht in Gross- und Riesenstädten einzusetzen.“ Als Kleinstädte werden alle Städte bis zu 100 000 Einwohnern betrachtet. Diese Forderung ist nicht zu verwirklichen und wirtchaftlich nicht zu rechtfertigen. Da im neuen Deutschland auf kleinerem Raum mehr Menschen wohnen müssen, wird eine Verstädterung eintreten. Die Landwirtschaft ist nur in beschränktem Umfange aufnahmefähig für Arbeitskräfte. Neue Gewerbeunternehmungen werden dort entstehen, wo sich die Errichtung von Betrieben aus Gründen des Verkehrs und die Versorgung mit Gas, Wasser, elektr. Energie usw. am billigsten herstellen lässt. Das ist zweifellos nicht auf dem Lande und in Kleinstädten möglich. Es kommt hinzu, dass in den Grossstädten in jedem Falle der Wiederaufbau energisch betrieben werden muss, wenn nicht die Kriegsschäden unberücksichtigt bleiben sollen und der von der Gesamtbevölkerung gewünschte Ausgleich der Kriegsschäden völlig ausser Acht bleiben soll. Es wäre nicht zu verstehen und nicht zu verantworten, wenn die Schäden an Häusern und Betrieben in den Grossstädten unberücksichtigt bleiben und wenn nicht bei allen Massnahmen des Wiederaufbaues auch der Gedanke der Beseitigung der Kriegsschäden eine wichtige Rolle spielte. Wenn Deutschland wirtschaftlich gesunden soll, muss mit mehr Arbeitseinsatz unter gleichzeitigem Verzicht auf einen Teil des früheren Einkommens gerechnet werden; der Anteil der landwirtschaftlichen Produktion an der Gesamtproduktion wird geringer werden, obwohl durch Veredelungswirtschaft auf dem Lande und durch Gemüsebau grössere Produktionswerte erzielt werden müssen.Es ist auch nicht möglich, heute schon Pläne zu machen, die zu einer „gewünschten räumlichen und beruflichen Verteilung etwa im Jahre 1970“ hinstreben. Der Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft muss ein organischer Prozess sein, auf dem das freie Spiel der Kräfte, d.h. ein durch die gegebenen Möglichkeiten eintretendes Wachstum, das sich einer festen Planung entzieht, zur Geltung kommt. Es lässt sich dann hier nicht von vornherein eine Rangfolge aufstellen, auf welcher die Ernährung das Wichtigste ist und der Wiederaufbau der kriegszerstörten Städte an das Ende gestellt wird.Die Auffassung, dass die Hälfte der hereinflutenden Flüchtlinge aus Bauern besteht, ist nach meiner Überzeugung falsch. Daraus ergibt sich auch, dass die angeschlossenen Folgerungen unzutreffend sind. Aber selbst, wenn die Hälfte der Flüchtlinge Bauern wären, so wäre offensichtlich, dass nicht 4 Mill. neue Bauernstellen oder auch nur 4 Mill. Arbeitsplätze auf dem Lande geschaffen werden können. Die rd. 7 Mill. ausländischen Landarbeiter, von denen in der Denkschrift die Rede ist, waren nach meiner Überzeugung nicht in den Westgebieten, sondern vorzugsweise auf dem Grossgrundbesitz in Ostdeutschland tätig, so dass es nicht möglich ist, bei einer Eingliederung des Umsiedlerstromes mit 7 Mill. Arbeitsplätzen auf dem Lande zu rechnen.In dem Abschnitt über den Wiederaufbau der Grossstädte wird behauptet, dass sich für die meisten Grossstädte wegen der Kriegszerstörungen eine Schrumpfung ergab, die grösser ist als der durch den totalen schweren Schaden vernichtete Wohnraum. Auch diese Auffassung ist falsch, wenn ich nur an das Beispiel der Stadt Dresden denke. Die Einwohnerzahl von Dresden ist von 650 000 auf 460 000 zurückgegangen. Das sind etwa 20%, während 65% der Wohnungen vernichtet sind. Ich bin sicher, dass dies bei den anderen Grossstädten ähnlich liegt. Es scheint mir abwegig, mit dem Gedanken zu spielen, dass in näherer Zeit ein Abbau der schwerbeschädigten Wohnungen und ein Verbot aller ungesunden Wohnungen und provisorischen Wohnungen in Grossstädten praktisch in Frage kommt.Die praktischen Vorschläge der Denkschrift sind in dem vorletzten Absatz enthalten, der zur billigen und weiträumigen Bebauung ermahnt. Die Billigkeit des Bauens ergibt sich allein aus dem Zwang, mit den wenigen Mitteln möglichst viel zu schaffen. Dieser Zwang ist aber mit einer weiträumigen Bebauung nicht vereinbar, wenn Siedlungen und Wohnungen erstellt werden sollen auf Bauflächen, die bisher nicht für den Verkehr und die allgemeine Versorgung mit Gas, Wasser und Strom erschlossen waren. Ich bin der Auffassung, dass ein sparsames Bauen nur zu erreichen ist, wenn die vorhandenen Anlagen für Gas-, Wasser- und Stromversorgung, für Strassenbahnlinien und Eisenbahnanlagen ausgenutzt werden, so dass dafür öffentliche Mittel nicht aufgewandt zu werden brauchen. Es handelt sich danach in der Hauptsache um einen Wiederaufbau und nicht um einen Neubau von Wohnungen. Ein Hinweis auf die Bauweise in Skandinavien, Holland und Schweiz ist nach meiner Überzeugung falsch, weil diese ausgesprochen wohlhabenden Länder bei dem Wohnungsbau eine Kultur haben, die wir Jahrzehnte hinaus nicht haben können und daher auch jetzt nicht erstreben können.Zusammenfassend möchte ich sagen, dass die Denkschrift wenig Neues und auch wenig glückliche Vorschläge bringt. Der praktische Kommunalpolitiker geht an die Fragen des Wiederaufbaues heran unter dem Gesichtspunkt, von dem Vorhandenen möglichst viel für den Wiederaufbau nutzbar zu machen, die enormen Lasten im Wohlfahrtsstaat durch Arbeitsbeschaffung zu vermindern und die eingetretenen Kriegsschäden unter sozialen Gesichtspunkten nach Möglichkeit auszugleichen.
Troeger

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Ministerium für Wirtschaft und Arbeit [und Verkehr], Nr. 2385, Bl. 127r, 128r (ms. Ausfertigung).

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