Nr. 59d
15. September 1945
Auszug aus dem Organisationsplan Hermann Henselmanns für die „einheitliche Planung und Lenkung des Technischen Wiederaufbaus in Thüringen“ mit dem Vorschlag zur Gründung eines „Planungskollektivs Bauhaus“
Organisationsplan für die einheitliche Planung und Lenkung des Technischen Wiederaufbaus in Thüringen
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IV.) Dieser Organisationsaufbau ist wegen der Überschneidung der Kompetenzen und der Vielfalt der einflußnehmenden Stellen zu unelastisch und entspricht nicht den ungewöhnlichen Aufgaben dieses kritischen Augenblcikds. Er muß deshalb vereinfacht werden.Die besondere Aufgabenstellung verlangt politische Stoßkraft, organisatorische Phantasie und eine klare Vorstellung der kommenden gesellschaftlichen Ordnung. Bei einer Zusammenfassung der Kompetenzen muß die Bildung einer Wasserkopfbehörde vermieden werden, da1.) die finanziellen Mittel dafür fehlen,2.) die Initiative und Verantwortung der einzelnen Gemeinden und Kreise nicht gelähmt werden sollen, (im Gegensatz zur Naziverwaltung),3.) größte Funktionsschnelligkeit unter Vermeidung unnötiger Instanzenwege anzustreben ist.

V.) Die örtlichen Bauverwaltungen werden den ungewöhnlichen Aufgaben (Aufteilung der Güter, Unterbringung und Ansiedlung der Flüchtlinge, Aufbau der Städte) 2 im allgemeinen nicht gewachsen sein, da sie 1.) besondere schöpferische Fähigkeiten verlangen,2.) gründliche Kenntnisse der politischen und sozialen Zusammenhänge voraussetzen,3.) die Aufgaben die verschiedensten Fachgebiete (Städtebau, Landesplanung, Hochbau, Tiefbau, Verkehrswege, Denkmalspflege, Landschaftsgestaltung)umfassen und deshalb ihrer Natur nach auf kollektive Arbeit angewiesen sind.

VI.) Die Augenblickslage verlangt schnellste Hilfe. Dazu sind Behelfsmaßnahmen notwendig. Sie müssen von den Städten und Gemeinden selbständig geleistet werden. Vorschläge für die Durchführung dieser Maßnahmen sind bereits gemacht und Gegenstand von Rundverfügungen geworden. (Siehe anliegende Vorschläge v. 18.8.45). 3 Nur in bauwirtschaftlicher Hinsicht wird hier die Landesinstanz regulierend eingreifen müssen.

VII) Deshalb wird folgendes vorgeschlagen:Es wird das P l a n u n g s k o l l e k t i v B a u h a u s 4 gegründet. In diesem Kollektiv sind sämtliche ordentlichen und außerordentlichen Professoren der Hochschule für Baukunst zusammengeschlossen, als die im Lande Thüringen vorhandenen Spitzenkönner ihrer Fachgebiete (Städtebauer, Industrieplaner, Denkmalspfleger, Brückenbauer, Tiefbauer und landwirtschaftliche Planer).Dieses Kollektiv arbeitet der Praxis entnommene grundsätzliche Planungen durch, um für die Aufgaben der Städte und Gemeinden bestimmte Dogmen herauszustellen, die als Anhaltspunkte für die gesamte Planungsarbeit und als Normen für den praktischen Aufbau gelten sollen. Dieses Material wird durch geeignete Propagierung bekanntgemacht.Den Städten und Gemeinden wird empfohlen, entweder ihren fähigsten Fachmann zur gemeinsamen Durcharbeitung der am Ort vorliegenden Aufgaben in das Planungskollektiv zu entsenden oder dieses bei der Auswahl des geeigneten Mannes in Anspruch zu nehmen. In jedem Falle wird der verantwortliche Planer im Kollektiv für seine spezielle Aufgabegeschult.

VIII.) Um zusätzliche Etatmittel zu vermeiden und einen möglichst engen Kontakt mit den Landesinstanzen herzustellen wird vorgeschlagen, daß jeweils die entsprechende Fachkraft des Kollektivs in dem für sein Arbeitsgebiet zuständigen Landesamt eine Planstelle besetzt. Auf diese Weise und dadurch, daß das Planungskollektiv sämtliche Fachrichtungen und sämtliche zuständigen Landesämter gleichzeitig repräsentiert, werden die erzielten Arbeitsresultate (Normenblätter, Richtlinien, Musterentwürfe usw.) auf dem kürzesten Wege den am Wiederaufbau Beteiligten zugeführt. Das Landesamt des Innern hat bereits auf Grund von Vorverhandlungen die Übergabe seiner Bauabteilung an den Leiter des geplanten Kollektivs zugesagt. 5 Entsprechend dieser Lösung werden auch die anderen Kollektivmitglieder eingesetzt, z. B. der Spezialist für landwirtschaftliches Bauen im Landesamt für Land- und Forstwirtschaft, der Bauingenieur im Landesamt für Verkehr, der Denkmalspfleger im Landesamt für Finanzen, der Städtebauer gegebenenfalls auch im Landesamt des Innern, Referat Städtebau.

IX.) Durch diesen Vorschlag wird gleichzeitig die notwendige politische Erfahrung und Stoßkraft bei der Planung und Durchführung der Wiederaufbauaufgaben gewährleistet, da sowohl das Planungskollektiv, als auch die einzelnen Landesämter von aktiven Antifaschisten geführt werden. Außerdem fließen die aus diesen Planungen gewonnenen Erfahrungen dem Lehrbetrieb der Hochschule zu, womit der Nachwuchs für die praktisch vorliegenden Aufgaben geschult wird.
Henselmann
Anlage: Vorschläge für den Wiederaufbau der kriegszerstörten Dörfer und Städte vom 18.8.45. Weimar, den 15.Sept.1945.(Prof. Henselmann)
Herr Prof. Henselmann sprach heute vor. Er ist einverstanden, daß das Baureferat in der Komm.-Abtlg einem von ihm vorzuschlagenden Bewerber übertragen wird. Das soll umgehend geschehen. Prof. Henselmann selbst übernimmt das techn. Referat im „Wiederaufbau“ und nimmt seine Tätigkeit am 1.10.45 auf. 22./9.45 CBöhme 6

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Ministerium für Wirtschaft und Arbeit [und Verkehr], Nr. 2385, Bl. 26r-30r, hier Bl. 28r-30r (ms. Ausfertigung mit hs. An- und Unterstreichungen); hs. Vermerk Böhmes v. 22.9.1945 Bl 30v.

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