Nr. 59c
29. August /6. September 1945
Niederschriften über die Wiederaufbau-Beratungen im Landesamt des Innern

Abschrift
N i e d e r s c h r i f t über eine Verhandlung in Sachen des Wiederaufbaues, die auf Veranlassung des Landesamts des Innern am 29.8.1945 vormittags 10 Uhr im Zimmer des Landesdirektors Böhme stattfand.
Anwesend waren:Herr Landesdirektor B ö h m eHerr Oberregierungsrat Dr. N e s t l e rHerr Regierungsrat H o f f m a n n vom Landesamt des InnernHerr Oberregierungsrat Dr. G ü n z e l vom Landesamt für WirtschaftHerr B a u m e i s t e r, Präsident der Handwerkskammer WeimarHerr Dr. S c h u l z e, 1. Geschäftsführer der Handwerkskammer Weimar.
Die Sitzung wurde von Herrn Landesdirektor Böhme um 10.15 Uhr eröffnet mit dem Hinweis auf die „Eisenacher Vorlage zur Errichtung einer Pflichtvereinigung der Eisenacher Baubetriebe“ und den Entwurf einer Gebäude-Instandsetzungs-Abgabe der Stadt Eisenach. Beide Entwürfe des Herrn Oberbürgermeisters der Stadt Eisenach, Karl H e r r m a n n, waren den Beteiligten vor der Besprechung bekannt gegeben. Der Präsident der Handwerkskammer, Herr B a u m e i s t e r, hatte hierzu bereits schriftlich Stellung genommen.Herr Landesdirektor B ö h m e stellte diese Vorlage zur Diskussion.Herr Handwerkskammerpräsident B a u m e i s t e r berichtete von einer Konferenz Sachverständiger, die am vergangenen Freitag stattgefunden hat. In dieser Konferenz sind folgende Punkte für den Wiederaufbau besprochen worden:
1.) Die finanzielle Seite
3.)Beschaffung und Verteilung des Materials
4.) Die Transportmöglichkeiten.
Im Verlaufe dieser Konferenz wurde festgestellt, dass die grössten Schwierigkeiten dadurch erwachsen, dass vielfach die Kompetenzen der einzelnen Behörden und der freien Wirtschaft sich überschneiden. Man habe die Notwendigkeit als dringend anerkannt, eine Zentrale zu schaffen, die die Aufgabe haben müsse, die Kompetenzstreitigkeiten auszuschalten und die Aufgabe nach einheitlichen Gesichtspunkten zu lösen.Am 28. 8. 1945 habe eine Besprechung in dieser Richtung beim 1. Vizepräsidenten des Landes Thüringen, Herrn Busse, stattgefunden, wobei sich dann bedauerlicherweise herausgestellt habe, dass der zuständige Referent für den Wiederaufbau, Herr Regierungsrat Hoffmann, nicht eingeladen war, so dass man nicht zu einem positiven Resultat kommen konnte. Herr Vizepräsident Busse habe den Herren aber empfohlen, eigene Initiative zu entwickeln.Das Stadtbauamt der Stadt Weimar arbeitet gegenwärtig auch einen Plan aus und erwägt die Selbstbewirtschaftung des Baumaterials und die einheitliche Lenkung der Arbeitskräfte. Die Handwerkskammer Weimar begrüsst es, dass durch den Herrn Oberbürgermeister der Stadt Eisenach die Fragen des Wiederaufbaues nunmehr auch von der Landesverwaltung her in Fluss gebracht worden sind, wenngleich die Handwerkskammer auch den gesamten Plan nicht in allen Teilen anerkennen könne. Insbesondere halte die Handwerkskammer die Schaffung einer Pflichtvereinigung der Baubetriebe nicht für erforderlich, weil sie der Auffassung sei, dass die vorhandene Organisation bereits schlagkräftig genug sei, um die ihr gestellten Aufgaben meistern zu können.Der 1. Geschäftsführer der Handwerkskammer Dr. S c h u l z e wies darauf hin, dass die thüringischen Baubetriebe und Innungen des Baugewerbes auch schon vor dem Zusammenbruch Sonderaufträge in grossem Maße zu bewältigen gehabt haben. Sie habe diese Sonderaufträge vielfach ausserhalb des Landes in den vom Luftkrieg betroffenen Städten erfüllt. Man solle die dabei gesammelten Erfahrungen auswerten. Es käme nicht sosehr darauf an, dass die Stadtbauämter oder sonstigen kommunalen Behörden den Aufbau vollzögen. Er halte es für richtiger, wenn der Auftraggeber in einem Kundenverhältnis zum Ausführenden stehen würde. Das Stadtbauamt solle also den Unternehmern die Aufträge erteilen und diesen freie Hand lassen. Die Unternehmer wissen besser, wo das Material vorliegt als die Behörde. Er schlage vor, dass das Landesamt des Innern im Einvernehmen mit dem Landesarbeitsamt eine Verordnung über den Wiederaufbau herausgebe. Diese Verordnung müsse sich gliedern in die technische und in die finanzielle Regelung dieser Aufgabe. Zu berücksichtigen sei ferner, dass nicht nur in den Städten grosse Schäden entstanden seien, sondern auch in den Dörfern und auf dem Lande. Man habe die Frage zu prüfen, ob es unter bestimmten Umständen nicht notwendig sei, eher die zerstörten Scheunen und sonstigen Wirtschaftsgebäude der Bauern wieder instand zu setzen als neue Wohnräume zu schaffen.Die vom Oberbürgermeister der Stadt Eisenach angeregte Pflichtvereinigung der Eisenacher Baubetriebe halte er für bedenklich. Sie sei zunächst nur auf die Eisenacher Bedürfnisse zugeschnitten und es fehle ihr ausserdem auch an der Rechtsgrundlage. Man schaffe unter Umständen einen Präzedenzfall, dessen Auswirkungen im Augenblick noch nicht zu übersehen wären. Zu beachten wäre, dass der industrielle Baubetrieb nicht ortsgebunden ist, sondern seine Tätigkeit dort aufnimmt, wo besondere Aufgaben, die nur durch einen industriellen Baubetrieb gelöst werden können, vorliegen. Das Handwerk hingegen sei ortsgebunden und wiederum nur unter besonderen Voraussetzungen auch in anderen Orten einsatzfähig.Herr Oberregierungsrat Dr. G ü n z e l vom Landesamt für Wirtschaft erklärte, dass Oberregierungsrat Dr. Tyczka als Stellvertreter des Landesdirektors für Wirtschaft zu den Vorlagen des Herrn Oberbürgermeisters der Stadt Eisenach Stellung genommen habe. Das Landesamt für Wirtschaft wünsche keine neue Organisation zu schaffen, sondern sei daran interessiert, dass die vorhandenen Instanzen aufeinander abgestimmt würden. Wesentlich sei vor allem die Regelung der finanziellen Seite des Wiederaufbaus. Diese Frage könne solange nicht entschieden werden, als man noch keine Entscheidung über die Frage getroffen habe, was aus den Hypotheken und ihrer Verzinsung werde. Der Geschäftsführer der Handwerkskammer Dr. S c h u l z e wies nochmals darauf hin, dass es vor allen Dingen darauf ankäme, den Stadtbauämtern zu empfehlen, sich von allen Details zu entlasten und sich lediglich auf die Aufgabe der Lenkung der Arbeitskräfte und des Materials sowie der Bereitstellung der Transportmittel zu beschränken.
Herr Regierungsrat H o f f m a n n 1 dankte den Herren für ihre wertvollen Anregungen und teilte ihnen mit, dass er erst vom heutigen Tage an das Referat für Wiederaufbau innerhalb des Landesamtes des Innern übernommen habe. Dem Herrn Landesdirektor Böhme und ihm sei es für die heutige Besprechung nur darauf angekommen, zunächst einmal im gemeinsamen Gedankenaustausch Anregungen und Ideen entgegenzunehmen. Die Schaffung einer Pflichtvereinigung für das Baugewerbe halte Herr Hoffmann nicht für unbedingt erforderlich, weil ja die Zwangsinnungen für das Baugewerbe schon bestehen und es sich nur darum handeln könne, die industriellen Baubetriebe mit zu erfassen. Das könne auf dem Wege einer Arbeitsgemeinschaft oder eines Leistungsverbandes auch geschehen. Eine Vorlage des Regierungsbeauftragten für den Wiederaufbau der Stadt Nordhausen, Dr. Schultes, 2 wurde gleichfalls erörtert. In der Aussprache hierüber wurde von allen Beteiligten zum Ausdruck gebracht, dass es wünschenswert wäre, wenn dem Referenten für den Wiederaufbau besondere Vollmachten erteilt würden, damit er, mit entsprechenden Machtbefugnissen ausgestattet, als Sonderbeauftragter der Landesverwaltung die Kompetenzstreitigkeiten aus dem Wege räumen und die zentrale Lenkung der Arbeitskräfte und der Materialbeschaffung, des Transports und der finanziellen Regelung durchführen könne. Die Herren Dr. Schulze, Dr. Günzel, Baumeister und Hoffmann vereinbarten, in einer neuen Zusammenkunft das vorliegende Material und die in der heutigen Besprechung zum Ausdruck gekommenen Anregungen zu einem Plan für den Wiederaufbau des Landes Thüringen zusammenzufassen.Schluss der Konferenz 12,15 Uhr.Weimar, den 29. August 1945.(gez.) Heinrich HoffmannR.R.i.L.d.I.

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Ministerium für Wirtschaft und Arbeit [und Verkehr] , Nr. 2385, Bl. 31r-32r (ms. Abschrift).



A b s c h r i f t
N i e d e r s c h r i f t über eine Besprechung in Sachen des Wiederaufbaues, die am Donnerstag, den 6. September 1945, vorm. 10.15 Uhr, auf Veranlassung des Landesamts des Innern im Dienstzimmer des Präsidenten der Thüringischen Handwerkskammer stattfand.Anwesend waren:Herr Dr. S c h u l z e, 1. Geschäftsführer der Thüringischen Handwerkskammer, Weimar.Herr Dr. P ö h n e r, Geschäftsführer der Bezirksstelle Thüringen des RIV des Bauhandwerks und Wirtschaftsgruppe Bauindustrie.Herr Architekt S c h w e i z e r, Geschäftsführer der Landeszentrale für Handwerkslieferungen.Herr Oberregierungsrat Dr. G ü n z e l vom Landesamt für Wirtschaft.Herr Regierungsrat H o f f m a n n vom Landesamt des Innern.Der Untrerzeichnete eröffnete die Sitzung mit dem Hinweis, dass der in der vorigen Sitzung besprochene Entwurf einer Verordnung im Landesamt des Innern bearbeitet wird. Der Erlass dieser Verordnung würde aus technischen Gründen eine erehebliche Verzögerung erfahren, sodass beabsicht ist, zunächst nur eine Anordnung des Landesamts des Innern herauszugeben.Zweck der heutigen Zusammenkunft sei es vor allem, festzustellen, welche Baumaterialien zur Verfügung stehen. Hierüber habe das Landesamt für Wirtschaft sich zu äussern.Herr Oberregierungsrat Dr. G ü n z e l vom Landesamt für Wirtgschaft entschuldigte zunächst die Herren Regierungsräte Wagenhaus und Müssigbrot, die durch starkeInanspruchnahme verhindert wären, an der heutigen Besprechung teilzunehmen. Beide Herren hatten aber einige schriftliche Unterlagen hergegeben. Herr Oberregierungsrat Dr. Günzel erläuterte diese schriftlichen Berichte, die sich insbesondere auf Dachpappe, Dachziegel und Leim bezogen. Im Ganzen beurteile Herr Oberregierungsrat Günzel die Materialbeschaffung und die Rohstofflage als sehr ungünstig. Ein ausführlicher Bericht hierüber wird dem Landesamt des Innern noch zugestellt werden. Die Ziegeleien und auch sonstigen Lieferanten von Baustoffen werden vielfach von den Landräten angehalten, nur die im Kreise ansässigen Interessenten zu beliefern. So habe z.B. der Landrat von Gotha eine entsprechende Verfügung erlassen und unter Verstoss gegen die Verordnungen über die Lohn- und Preisgestaltung die Löhne der Ziegeleiarbeiter erhöht.Der Unterzeichnete machte darauf aufmerksam, dass Herr Schreck aus Jena, Landgrafenstieg 7, über so ausgezeichnete Behziehungen zu massgeblichen Stellen der tschecho-slowakischen Regierung in Prag verfüge, dass er dem Landesamt für Wirtschaft vermutlich gute Dienste bei der Heranschaffung der vorhandenen Vorräte an Flachglas in Graßlitz leisten könne. Dem Landesamt für Wirtschaft wird empfohlen, sich mit Herrn Schreck in Verbindung zu setzen.In der Aussprache, an der sich alle Herren beteiligten, kam zum Ausdruck, dass die Ermittlung der vorhandenen Baustoffe deshalb so schwierig sei, weil man nicht wisse, welche Anforderungen von der Besatzungsmacht gestellt und befriedigt werden müssen.Der Unterzeichnete gab sodann einen Entwurf über Grundsätze für den Wiederaufbau der zerstörten Wohnungen bekannt. Diese Grundsätze werden den Beteiligten noch zugeleitet und später in grösserem Kreise zur Diskussion gestellt.Als Ergebnis der heutigen Besprechung konnte eine Übereinstimmung darüber festgestellt werden, dass es im gegenwärtigen Augenblick nicht so sehr darauf ankommt, eine grosszügige Planung für den Wiederaufbau der zerstörten Gebiete zu entwerfen und vorzunehmen, als vielmehr die Beseitigung der Dachschäden und der dringendsten Reparaturen an Wohnungen und Gebäuden in Angriff zu nehmen.Schluss der Sitzung 11.15 Uhr
(gez.) H o f f m a n nRegierungsrat

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Ministerium für Wirtschaft und Arbeit [und Verkehr] Nr. 2385, Bl. 33r, 33v (ms. Abschrift).

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