Nr. 59b
18. August 1945
Vorschläge Hermann Henselmanns für den Wiederaufbau der kriegszerstörten Dörfer und Städte

Weimar, den 18.8.1945.Der Direktor derStaatl. Hochschule für Baukunstund bildende KünsteW e i m a r.
Vorschläge für den Wiederaufbau der kriegszerstörten Dörfer und Städte
I. Organisation der Planung.
1. In jedem Kreis wird ein „Planungsamt Wiederaufbau“ geschaffen; verantwortlich ist ein Mann. Ihm zur Seite steht ein Beirat aus Vertretern der freien Gewerkschaften, der Handwerkskammer, der Industrie und der Behörden. Dieses Planungsamt erhält alle notwendigen Vollmachten. Ihm unterstehen sämtliche Bauämter des Kreises und der dazugehörigen Städte, natürlich nur in Bezug auf die Schadensbeseitigung.In Weimar bestehen z.B. folgende Bauämter.
1. Stadtbauamt,
2. staatliches Bauamt
3. Kreisbauamt,
4. herzogliches Bauamt,
5. kirchliches Bauamt.
2. Die Schadensstellen müssen in Skizzenform (Din A 4) aufgenommen werden, um einen etwaigen späteren Ersatzanspruch zu sichern. Das kann durch Hilfskräfte ehrenamtlich geschehen. (Im Kreise Gotha bereits geschehen).Auf den Zeichnungen ist das für den Wiederaufbau benötigte Material geschätzt zu vermerken.
3. Dem Aufmaß der Schadensstelle einer Gemeinde müssen Ortspläne beigefügt sein, aus denen die Lage der einzelnen Schäden und ihre Art zu ersehen sind. (Leichte, mittlere, schwere und Totalschäden).
4. Eine politische und soziale Rangfolgeliste aller Geschädigten ist herzustellen unter Berücksichtigung nachstehender Reihenfolge:Aktive antifaschistische Kämpfer,passive Antifaschisten,kleine Pgs,aktive Nazis.Das soziale Erfordernis ergibt sich aus dem Allgemein-Interesse, das am Wiederaufbau des zerstörten Gebäudes besteht, aus der besonderen Bedürftigkeit des Geschädigten unter Berücksichtigung etwaiger Ausweichmöglichkeiten.
5. Die finanzielle Lage des Geschädigten ist mitzuteilen (Aufbau aus eigenen Mitteln möglich, Eigenmittel nur teilweise oder gar nicht vorhanden). Mitteilung, ob bereits Sammlungen zugunsten der Geschädigten durchgeführt wurden (im Kreise Gotha auf meine Veranlassung bereits geschehen. Beispiel: Gemeinde Finsterbergen hat Rmk 68.000,- aufgebracht.)
6. Die Neuplanung hat die gegenwärtige und die künftige Verkehrsentwicklung einzubeziehen und die gegenwärtigen und die künftigen Produktionsweisen und Produktionsverhältnisse (unter Berücksichtigung der Tatsache, daß ein Bauwerk eine Lebensdauer von mindestens 50 Jahren hat.)Also Auflockerung der Dörfer und Städte. Herauslegen der Geschädigten aus zu enger Bebauung, unter Umständen unter Zuhilfenahme von Naziland.
7. Anfertigung von Normenblättern besonders für die Landwirtschaft unter starker Beachtung der neuen Fütterungs-, Aufstellungs- und Dung-Methoden. Normierung der Bauteile (Scheunenbinder, Stall- und Wohnhausfenster, Stall- und Wohnhaustüren, Lüftungsschächte, Schweinebuchten, Kälberbuchten, Freßgitter, Raufen und Krippen). Verteilung dieser Normblätter an die einzelnen Kreisbauräte usw. Jeder baupolizeilichen Genehmigung werden diese Blätter beigefügt und bei der Durchführung des Baues zur Auflage gemacht. Im Handwerk Massenanfertigung dieser normierten Einzelteile empfohlen. (Verbilligung der Produktion).Keine Scheunen mehr mit Innenstützen genehmigen, wie das in Thüringen üblich ist – sie sind unmodern, zu teuer und verbrauchen zu viel Material.

II. Praktische Hilfe beim Aufbau.
1. Das gesamte Baumaterial in privater oder öffentlicher Hand wird beschlagnahmt. Eine örtliche Baumaterial-Lenkstelle, in der die Vertreter der Handwerkskammer und des Wiederaufbauamtes sitzen, verteilt das Material vom Ziegel bis zur Glasscheibe. Sie hilft den Handwerkern und Unternehmern bei der Organisation ihrer Transporte und bei der Beschaffung ihrer Produkte. Sie verteilt nach den vorhandenen Möglichkeiten das Material entsprechend der sozialen und politischen Rangfolge. Sie veersucht selbst Material aufzubringen (in Gotha bisher erstaunliche Erfolge). 1 Ausschaltung aller Korruption. Diese Lenkstelle finanziert sich selbst durch kleine Aufschläge auf das gelieferte Material. (Z.B. auf 1000 Ziegel RM 0,50 Aufschlag).
2. Bei Großschäden in einzelnen Orten empfehle ich folgende Lösung:Der Ort wird als Großbaustelle aufgefaßt.Die Geschädigten bilden eine Interessen-Gemeinschaft. Diese wählt ein Komitée; dieses Komitée von ca 4 Mann führt alle Verhandlungen. Die Interessengemeinschaft bestimmt sich einen Anwalt und einen Architekten. Es wird eine örtliche Bauleitung auf der Baustelle eingerichtet, die mit Leuten des Architekten besetzt wird. Hier werden alle Sorgen und Wünsche wegen der Planung und des Baufortschrittes vorgebracht. Die Pläne werden einheitlich angefertigt und eingereicht. Dadurch wird straffe Planung und Normierung erreicht und eine einheitliche städtebauliche Wirkung.Die kleinen Unternehmer des Ortes und der Umgebung bilden eine Arbeitsgemeinschaft mit einem Geschäftsführer und einem Bauleiter. Dadurch werden Wege erspart, Unkosten verringert und die Inhaber der kleinen Firmen für die praktische Mitarbeit frei. Günstigerer Einkauf, einheitliche Transporte usw.
3. Es muß eine Rechnungsprüfungsstelle eingerichtet werden, damit die Geschädigten nicht übervorteilt werden.
4. Oberster und wichtigster Grundsatz: Es muß mit Phantasie und Verantwortungsgefühl geholfen werden nach dem Grundsatz: Die Not der Geschädigten ist meine Not, denn bevor sie nicht beseitigt ist, werde auch ich meine Lebensbedingungen nicht verbessern können.
Henselmann (Prof. Henselmann)

Quelle Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Ministerium für Wirtschaft und Arbeit [und Verkehr]Nr. 2385, Bl. 22r-25r (ms. Ausfertigung).

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