Nr. 59a
[18. August 1945]
Reorganisationsplan des kommissarischen Direktors der Weimarer Bauhochschule Hermann Henselmann mit erläuternden Bemerkungen (Auszüge)

[18. August 1945] 1
Der Direktor derStaatl. Hochschule für Baukunstund bildende Künste W e i m a r. 2
R e o r g a n i s a t i o n s p l a n für dieStaatliche Hochschule für Baukunst und bildende Künste in Weimar.
Z i e l e:
I. Einordnung in den Wiederaufbau.Keine ruhige Erziehungs- und Pflanzstätte (entsprechend der Isolierungstendenz der bürgerlichen Kunst), sondern eine den Bewegungen und Wechselwirkungen der Kräfte entsprechende Hochschule.
II. Bruch mit der Akademiker-Isolierung auf der einen Seite, scharfe Herausstellung des Auslese-Charakters auf der anderen Seite.
III. Einschaltung in den antifaschistischen Massenkampf.
IV. Sparsamkeit.

V o r b e m e r k u n g. Das Nächstliegende ist zunächst die Eröffnung der Hochschule zum 1. Oktober. 3 Der grundsätzliche Umbau muß wahrscheinlich laufend erfolgen und bis zum 1. April 1946 abgeschlossen sein. Dieses Semester gilt als Probe- und Bewährungssemester für Dozenten und Studenten. Das Vorlesungsverzeichnis sieht bereits einschneidende Änderungen vor als Beginn der Reorganisation (siehe Bemerkungen.)
Vorschläge für I.Einordnung in den Wiederaufbau. 1. Die Hochschule wird wieder auf den Charakter eines Bauhauses abgestellt, wie vor der Nazizeit. Namensänderung vorgeschlagen: „Das Bauhaus“. (Hochschule für Baukunst und das gestaltende Hand- 4 und Maschinenwerk). Die vorhandenen Werkstätten (jetzt Landesstelle für Handwerksförderung – Prof. Dorfner -) werden ihr wieder eingeordnet bezw. ihrer Kontrolle unterstellt, soweit sie unmittelbar oder mittelbar dem Bauen und seinen Randgebieten angehören.
2. Fühlungnahme mit der thüringischen Industrie und den freien Gewerkschaften. Nicht nur Werkstätten für Handwerk, auch für Maschinenwerk, denn nicht das Einzelerzeugnis interessiert; das billige und qualitative Massenerzeugnis von der Bauplatte bis zur Lampe muß beeinflußt werden.Die Betriebe entsenden je einen vom Betriebsrat und dem Betriebsinhaber ausgesuchten jungen, begabten Arbeiter auf eine gewisse Zeit nach Weimar an die Werkstätten mit den Konstruktionen oder Erzeugnissen der Firma. Handwerk und Industrie stellen die Aufgabe und üben eine ständige Kontrolle aus. Engster Kontakt zwischen Hochschule, Gewerkschaften, Handwerk und Industrie.Die Abteilung bildende Künste der Hochschule ist die Erweiterung der Werkstätten für Hand- und Maschinenwerk.Ihre Ateliers sind Meister-Ateliers mit ausgesprochenen Elite-Schülern, die alle urch die Werkstätten gegangen sein müssen. Keine Arbeit für Museen!
3. Materialprüfung an der Hochschule. Jede neue Bauplatte, jeder neue Stein, jedes neue Erzeugnis, das von der Industrie für den Wiederaufbau angeboten wird, müßte mit dem Prüfstempel der Hochschule versehen werden, damit kein Volksvermögen verschleudert wird. Verlegung der Materialprüfung von Erfurt nach Weimar. Zusammenfassung aller Forschungsaufgaben.
4. Herstellung von Normenblättern der Hochschule für sämtliche Kreisbauräte, besonders zur Modernisierung des landwirtschaftlichen Bauenes und der Landwirtschaft selbst. Die Durchführung der Normen bei der baupolizeilichen Genehmigung [wird] 5 zur Auflage gemacht. (Material- und Kostenersparnis durch neuzeitliche Fütterungs- und Aufstallungs-Methoden.)
5. Der Hochschule wird Einfluß auf die Bau- und Fachschulen gesichert. Zweck: Frühere Erfassung der Begabten, die später zur Hochschuloe übergehen, bereits im Vorstudium. Einheitliche Ausrichtung auf den Wiederaufbau in der Aufgabenstellung usw.
6. Vorlesungen und Dozenten auf die neuen Ziele abstellen, moderne ingenieure Baumethoden bereits im Entwurf lehren, Diplom-Aufgaben der Zeit anpassen, gegebenenfalls zu den Diplomprüfungen Vertreter der freien Gewerkschaften einschalten.
[…] 6
Henselmann Der Direktor derStaatl. Hochschule für Baukunstund bildende KünsteW e i m a r.
E r l ä u t e r n d e B e m e r k u n g e nzu dem Reorganisationsplan der Staaatl. Hochschule für Baukunst und bildende Künste in Weimar. […] 7
Die Grundgedanken der allgemeinen Reorganisation der Hochschule sind bereits im Organisationsplan der Hochschule 8 dargestellt. Es ist die Zeit gekommen, daß endlich den lebendigen Kräften, die auf Entwicklung drängen, Raum gegeben wird, und daß der Widerspruch zwischen Handwerk und Industrie für die Entwicklung fruchtbar gemacht wird durch eine klare unvoreingenommene Begegnung.
Das Bauhaus wird die Plattform dieser Begegnung sein. Für beide wird sich daraus eine Produktionsanregung ergeben und für die Baukunst und damit für den gesamten Wiederaufbau ebenfalls. Es kommen aber wesentliche politische Gesichtspunkte hinzu: Der nach Weimar geschickte Industrie-Arbeiter soll nicht nur für den Betrieb eine gesteigerte Produktionsfähigkeit mit nach Hause nehmen, sondern auch eine ganz betonte geistige Erweiterung in das politische Blickfeld hinein. Es ist auf diese Weise ein Kadrekorps zu schaffen, das fachlich und politisch im Wiederaufbau führend ist. Daher ist die sorgfältige Auswahl durch die Gewerkschaften erforderlich. […] 9

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Ministerium für Volksbildung, Bl. 68r-71r (Reorganisationsplan), Bl. 72r-74r (Erläuternde Bemerkungen), hier Bl. 68r-73r (ms. Ausfertigungen).

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