Nr. 58h
15. Oktober 1945
Ansprache Rudolf Pauls zur Übergabe der Universität in der Aula
Magnifizenz.
Wenn ich Ihnen jetzt [den Schlüssel der] 1 die Universität übergeben, und diese damit in Ihr und des Lehrkörpers Obhut stelle, möchte ich den Anfang eines alten Studentenliedes mit dem Ausruf verknüpfen, den ein Professor dieser Universität am Ende des dreißigjährigen Krieges machte: gaudeamus igiturfloreat academia nostrasicut rosa inter spinas!Darum laßt uns fröhlich sein, unsere Universität blüht gleich einer Rose unter Dornen. Die Zeitspanne zwischen dem Bombenfall auf dieses Haus und dem Tage seiner Neuerstehung 2 ist zeitlich gesehen ein Nichts. Weltanschaulich aber meint man, daß viele, viele Jahre dazwischen liegen. Diktatur in brutalster Form, das gesamte öffentliche Leben wie von Fangarmen eines Polypen umfaßt, drohte wie das Leben jedes Einzelnen stündlich in dieser widerlichen Umklammerung erdrückt zu werden. Heute sind wir Träger einer neuen deutschen Demokratie. In ihrer Neuheit zum Teil 3 noch tastend, sich an die Geistesgrößen von Schiller und Goethe anlehnend, ist sie noch im Fluß. Aber sie ist da, unumstößliches Gut unseres Volkes geworden. 4 Studenten sind jung, sie sind geistig noch werdend, noch beeinflußbar. Für die Zukunft unseres Volkes ist es von entscheidender Bedeutung, daß sie in wissenschaftlicher Wahrheit erzogen werden. Damit, Magnifizenz, legt das Land Thüringen ein weit kostbareres Pfand als die Gebäude dieser Universität in Ihre Hand. Möge von Jena, seiner Universitätsstadt 5 ein neues deutsches Leben ausgehen!

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 1778, Bl. 26r (Entwurf, ms. Ausfertigung mit hs. Korrekturen), Bl. 27r (an PIT übergebene Fassung, ms. Ausfertigung); abgedr. in: John u.a.: Die Wiedereröffnung (1998/D), S. 271f.

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