Nr. 58j
15. Oktober 1945
Ansprache Rudolf Pauls auf der Veranstaltung „Gewerkschaft und Universität“ im Filmtheater „Capitol“ (Zeitungsbericht) 1

Gewerkschaft und UniversitätArbeiterschaft für KulturaufbauEine kulturpolitisch bedeutsame Kundgebung der organisierten Arbeiterschaft
Über die eindrucksvolle Kundgebung des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes anläßlich der feierlichen Neueröffnung der Jenaer Volksuniversität können wir erst heute in Auszügen berichten. Die kulturpolitisch bedeutsame Kundgebung der organisierten Arbeiterschaft, die am Montagnachmittag im Capitol stattfand, wurde nach der Aufführung der „Egmont“-Ouvertüre durch das Jenaer Stadttheater-Orchester von dem Kollegen Böhme im Auftrage des FDGB eröffnet, der seiner Freude darüber Ausdruck gab, daß gerade Jena die erste Stadt im russisch besetzten Gebiet ist, die ihre Universität eröffnet. 2 Unser Land ist in NotLandespräsident Dr. PaulVor dieser Bühne, auf der ich spreche, lesen sie drei Worte wiederholt – diese drei Worte heißen – arbeiten. Dieses Wort schreibt ein Mann, der an der Spitze des großen russischen Volkes stand – Lenin; eines Landes, das, gemessen an dem deutschen Land, ein reiches ist, und dieser Mann hat die primitive und klare Erkenntnis, daß, wenn es einen Aufstieg gibt, dieser Aufstieg ausschließlich zu erreichen ist durch Arbeit zur Schaffung von Werten. Unser Land ist in Not.Die deutsche Wirtschaft war einmal in Friedenszeiten weltwirtschaftlich eingestellt; d. h. jeder Unternehmer und jeder Arbeiter konnte das, was er brauchte, von jedwedem Winkel der Welt her zu sich heranbeordern.Das ist vorbei. Wir sind auf uns, auf die Schätze im Land angewiesen. Wenn ich heute zu Euch spreche und sage, „es ist Not in unserem Land“, so müßt Ihr dieser Not Rechnung tragen und nicht auf den Geldbeutel des Vaters vertrauen, sondern aus eigener Kraft heraus Euch durchsetzen. Ich bin mir der Verantwortung meines Amtes voll bewußt und eines wird man mir in Thüringen niemals nachsagen können, daß ich gelogen habe, und darum sage ich Euch, weil ich den Glauben an Euch habe: „Es ist Ernst, es ist Not in unserem Land.“ „Arbeiter und Student“ nennt sich die Tagung. 3 Mit den Gewerkschaften, mit ihren Führern bin ich engstens vertraut. Ich kenne die hervorragende Leistung der Thüringer Arbeiter. Studenten, und daß Ihr nicht hinter den Thüringer Arbeitern zurücksteht, beweist, daß es Euch heilig darum ist, ein Wissen zu gewinnen, mit diesem Wissen unser Volk, unser Land wieder aufzubauen, und eines ist Euch gewiß, der Dank dieses Landes, der Dank unseres Volkes, um darum zu arbeiten, soll der Güter Höchstes sein. (Anhaltender Beifall)
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Quelle: Tribüne, 23.10.1945.

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