Nr. 58i
15. Oktober 1945
Ansprachen des SMATh-Chefs Wassili I. Tschuikow

Ansprache bei der Übergabe der Universität in der Aula 1
Herr Präsident! Professoren und Studenten!Der Oberbefehlshaber der Sowjet-Besatzungsmacht in Deutschland, Marschall der Sowjet-Union Shukow, hat mir befohlen, heute in seiner Abwesenheit bei der Eröffnung der Jenaer Universität Ihnen seinen Wunsch zu übermitteln, daß die Universität eine Stätte der neuen demokratischen Kultur in Deutschland sein soll. Heute kehrt die alte Jenaer Universität wieder zum Leben zurück. Während vier Jahrhunderten war sie eines der wichtigsten Zentren der deutschen Kultur. Die Mauern dieser Universität, die im Jahre 1557 2 gegründet wurde, erinnern an mehrere Wissenschaftler und Denker, die den Prozeß der menschlichen Vernunft gefördert haben. Nach ihrer Machtergreifung in Deutschland führten die Hitleristen einen Kreuzzug gegen alle Kulturschätze, auf die viele deutsche Generationen mit Recht stolz waren.Das nazistische Blatt, der „Berliner Lokalanzeiger“ verkündete wörtlich: „Wir wollen es nicht sein und wir sind nicht das Land Goethes und Einsteins.“Die wahre Wissenschaft wollten die Hitleristen mit denklem mittelalterlichem Obskurantismus in Form einer sogenannten „Geopolitik“, der tierischen Rassentheorie und anderen irrsinnigen und reaktionären Ideen ersetzen. Einer der größten Wissenschaftler unsereres Zeitalters, Einstein, wurde gezwungen, nach Amerika auszuwandern; mehrere bekannte Professoren wurden aus bekannten Universitäten herausgetrieben. Ihnen wurde jede Möglichkeit geraubt, die wissenschaftliche Forschung und Lehrtätigkeit auszuüben. DieHitleristen haben nicht nur alle Universitäten, Hochschulen und Kulturanstalten in den zeitweilig von ihnen besetzten Gebieten der Sowjetunion vernichtet, sie wollten auch die Wissenschaft selbst in Deutschland vernichten und sie in die dunklen Zeiten des Mittelalters zurückführen.Die Rote Armee hütet alle Kulturschätze. Die Jenaer Universität bekommt jetzt die Möglichkeit wieder, ein Zentrum der Kultur zu werden und mit ihrer ganzen Tätigkeit zu beweisen, daß Deutschland ein Land Goethes, Schillers, Einsteins und nicht ein Land Hitlers und seiner unsauberen Konsorten ist.Vor der Jenaer Universität liegt ein breites, furchtbringendes Tätigkeitsgebiet in der Ausmerzung der Reste der giftigen Naziideologie, in der Umerziehung der deutschen Jugend im Geiste wahrer, fortschrittlicher Wissenschaft und Demokratie.Im Namen der Roten Armee und der Sowjetmilitäradministration wünsche ich der Universität vollen Erfolg auf diesem Gebiete.

Quelle: Tribüne, 29.10.1945 (Abdruck); Nachdruck. in: John u.a.: Die Wiedereröffnung (1998/D), S. 272f.



Toast auf dem Festbankett im Hotel „Schwarzer Bär“
PIT Weimar, den 16. Oktober 1945
Ansprache des Generaloberst Tschuikow zur Eröffnung der Universität Jena
Meine Damen und Herren! In Stalingrad war es, wo ich gegen General Paulus eine Schlacht führte. Meine Kameraden und ich dachten nicht daran, daß wir drei Jahre später in Jena zur Eröffnung der Universität uns zusammenfinden würden. In Stalingrad handelte es sich um eine Todesschlacht zwischen der Roten Armee und der Hitler-Armee. In der Schlacht um Stalingrad hat die Rote Armee unter der Führung von Generalissimus Stalin gesiegt. Ich muß gestehen, meine Damen und Herren, damals in Stalingrad war ich von einer starken Abneigung gegen Deutschland und das deutsche Volk beherrscht, weil die deutsche Armee auf ihrer Fahne nichts als Verachtung, Haß und Barbarei trug. Nach der Erringung des Sieges und der Zerschlagung der Nazi-Armee hat sich unser Haß gelegt, und entsprechend unserer Volksmentalität hat das russische Herz gesprochen: Wer am Boden liegt, den schlägt man nicht. Generalissimus Stalin hat schon einmal ausgeführt, daß die Hitler kommen nd gehen, aber daß das deutsche Volk bleibt. Heute in dieser Feierstunde will ich mein Glas erheben auf das Wohl des deutschen Volkes und trinken auf die Auferstehung eines neuen Deutschlands in wahrem demokratischem Geist, das nach diesem schweren Ringen in den Reihen der Vereinten Nationen vorwärtsmarschiert zum Wohle der Menschheit. Ich wende mich in dieser Stunde an die Herren Professoren der Jenaer Universität und fordere sie auf, ihr Werk an der Umerziehung des deutschen Volkes auf dem Wege der Demokratie zu vollziehen. Ich hoffe, daß die Jenaer Universität eine Erneuerungsstätte sein wird für ein Deutschland im demokratischen Geist und eine Grabstätte des Nazismus und der Nazi-Ideologie. Ich erhebe mein Glas und stoße an auf ein neues demokratisches Deutschland durch Sie, meine Herren Professoren.

Quelle: LATh-HStA Weimar, LTh-BMP, Nr. 1778, Bl. 28r (ms. Durchschrift); abgedr. in: Um ein antifaschistisch-demokratisches Deutschland (1968/D), S. 174f. u. John u.a.: Die Wiedereröffnung (1998/D), S. 278.

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