Nr. 55a
3. Oktober 1945
Bericht des Landesdirektors für Wirtschaft Curt Fischer in der Landesverwaltung über die Berliner wirtschaftlichen Zentralverwaltungen mit Vorschlägen für den Verwaltungsumbau und die Bildung eines Wirtschaftsstabes

N i e d e r s c h r i f tzur Sitzung der zivilen Verwaltung des Landes Thüringenam 3.10.1945
Anwesende:Präsident des Landes Thüringen Dr. P a u l1. Vize-Präsident B u s s e2. Vize-Präsident Dr. A p p e l l3. Vize-Präsident Dr. K o l t e rLandesdirektor M o o gLandesdirektor Dr. F i s c h e rLandesdirektor B ö h m eLandesdirektor W o l fLandesdirektor B r a c kOber-Regierungsrat E w e r t h
Es wurde behandelt:
Die Ausstellung für das Land Thüringen soll in Kürze eröffnet werden. 1 Sie liegt zum hauptsächlichsten Teil in den Händen des Landesamtes für Wirtschaft. Um allgemeine Aktivität von Seiten der Landesämter wird gebeten. Die geplante Ausstellung in Berlin wird nicht stattfinden. Der Ausstellung in Erfurt gebührt ein besonderes Lob.
Die Eröffnung der Universität in Jena steht bevor und soll in festlichem Rahmen am 15.10.1945 durchgeführt werden. 2 Alle Herren der Landesverwaltung werden gebeten, an dem Festakt persönlich teilzunehmen.
[…] 3
Bericht des Herrn Dr. Fischer über seinen Aufenthalt und seine Eindrücke in Berlin. 4 Anlässlich eines Besuches in Berlin hatte ich Gelegenheit, meine Eindrücke über die zentrale Verwaltung zu sammeln. Zwei wichtige Punkte werden Veranlassung geben, gewisse Veränderungen in unserer Landesverwaltung herbeizuführen.
Punkt 1: Der Sektor der Wirtschaft. Die zentrale Verwaltung für Handel und Versorgung hatte die Präsidenten der Industrie- und Handelskammern eingeladen, um wegen der Verteilung der Produktion grundlegende Ausführungen zu machen. Die Sitzungen waren ausgerichtet nach den Befehlen der russischen Militär-Administration. Durch den Befehl Nr. 9 5 haben wir heute die Tatsache einer weitestgehenden Planwirtschaft für die Wirtschaft. Diese Befehle werden noch eingehender werden; denn die Befehle Shukoffs kommen nicht mehr über die Administration, sondern sie kommen auch von der deutschen Seite. Die zentralen Verwaltungen regen sich jetzt ausserordentlich und regieren. In den Befehlen werden die einzelnen Leiter bezw. Präsidenten direkt verantwortlich gemacht für die Durchführung derselben. Nach diesen Richtlinien werden wir unsere Arbeit im Land verrichten müssen.
Punkt 2: Der Sektor der Verteilung stützt sich auf den Befehl Nr. 55. 6 Dieser Befehl greift nun stark in all das ein, was von dem Sektor der Lebensmittelversorgung und dem der gewerblichen Produktion bisher in Thüringen aufgebaut war. Wir können nur das eine tun, und uns möglichst genau nach diesen Anweisungen richten. Mir scheint als ob das ganze Prinzip das einer gegenseitigen Kontrolle ist. Die zentrale Verwaltung ist nicht nach den Gesichtspunkten gegliedert wie hier die Landesverwaltung in Thüringen, und das ganz besonders im Punkt Landwirtschaft und Wirtschaft. Die Russen bringen das Bild ihrer russischen Wirtschaft mit. Von dieser Grundlage aus haben sie der deutschen Zentralverwaltung vorgeschrieben:
1.) Sektor der Produktion Landwirtschaft, Wirtschaft, Industrie
2.) Sektor der Verteilung Lebensmittel und gewerbliche Produkte,der in einem Amt zusammengefasst ist und zwar unter der Bezeichnung „Handel und Versorgung“.Der Planung liegt die Bevölkerungszahl zu Grunde. Eine genaue Meldung dieser Zahlen ist deshalb unbedingt erforderlich.Ich bin der Auffassung, dass wir uns der Organisation der zentralen Verwaltung, wie sie in Berlin eingerichtet ist, anschliessen müssen. In Kürze soll eine allgemeine Anordnung für die russische Besatzungszone kommen, dass diese Gliederung auch für die einzelnen Länder durchzuführen ist. Laut Befehl Nr. 55 ist die Frist bis 1.11.1945. Es wäre aber ratsam, heute schon zu beraten, ob wir nicht die Organisation unserer Ämter umstellen sollen.Das Landesamt für Landwirtschaft würde somit den Sektor der Verteilung ausgegliedert erhalten, ebenso das Landesamt für Wirtschaft. Für die Verteilung wäre also ein Landesamt für Handel und Versorgung zu schaffen. Die beiden anderen Landesämter wären demnach nur zuständig für die Produktion.Landesamt für Energie (Zuteilung von Benzin usw.) hat Produktion und Verteilung zusammen.Das Landesamt für Arbeit und das für Sozialwesen sind nach dem Muster von Berlin zu vereinigen.Ausserdem möchte ich die Bildung eines sogenannten Wirtschaftsstabes in der Präsidialkanzlei zur Entlastung des Präsidenten vorschlagen, wo einige besonders befähigte Leute ständig als ZBV zur Verfügung stehen und für Sonderaufgaben im Namen des Präsidenten Weisungsbefugnis auch für die einzelnen Landesämter haben. Dieser Wirtschaftsstab könnte folgende Aufgaben übernehmen:Fragen des Austausches mit anderen Ländern,Verhandlungen mit der Zentralverwaltungund Wirtschaftsfragen im allgemeinen.Für die Angehörigen des Wirtschaftsstabes müsste bezüglich der Besoldung eine besondere Regelung getroffen werden in Anbetracht ihrer besonderen Leistungen. Vielleicht wäre es angebracht, eine Möglichkeit zu suchen, um Leute in einer Art Dienstverpflichtung zu besonderen Aufgaben heranzuziehen.Der Befehl Nr. 55 sieht einen Versorgungsplan vor für den Warenkreis, der bewirtschaftet sein soll. Dieser Versorgungs- bezw. Verteilungsplan baut sich auf dem Produktionsplan auf. Den einzelnen Ländern werden Kontingente gegeben, die dann von den Ländern an die entsprechenden Stellen weiter verteilt werden.Ausser den bewirtschafteten Waren gibt es Mangelwaren. Für die Produktion dieser Güter wird von Berlin kein Produktionsplan aufgestellt, aber die Verteilung ist auch nach Befehl Nr. 55 vorgenommen.Waren, die unter diese beiden Gruppen nicht fallen, sind frei verkäuflich.Der Warenverkehr innerhalb des Landes muss genau ziffermässig festgehalten und über die Landesverwaltung an die zentrale Verwaltung in Berlin berichtet werden. Massgeblich sind die Lieferungsanweisungen, die von den Landräten und Bürgermeistern kreisfreier Städte auszustellen sind. Der Landrat muss jeden Warenverkehr aus seinem Landkreis in einen anderen und umgekehrt melden.Wie organisieren wir unseren Unterbau in der Landesverwaltung?Bisher bestanden die selbst organisierten Industrie- und Handelskammern für die gewerbliche Produktion. Jetzt werden aber die Landräte und Bürgermeister massgebend sein für die Verteilung und Meldepflicht. Es ist deshalb notwendig, sich restlos umzustellen auf das Berliner System. (Sehr, Landrat Dr. Dreykorn). Es hat keinen Zweck, angesichts der 100%igen Planung eine Selbstorganisation der Wirtschaft aufrecht zu erhalten. Den Landräten muss die Verantwortung für Produktion und Verteilung überlassen und ihnen die entsprechenden Mitarbeiter zur Verfügung gestellt werden. Jeder Landrat und Oberbürgermeister einer kreisfreien Stadt hat eine Wirtschaftsabteilung aufzuziehen und befähigte Leute einzusetzen. Die Leiter der Wirtschaftsabteilung sollen bestätigt werden von der Thür. Landesverwaltung.
Präsident Dr. Paul: Es ist also folgendes zu klären: 1.)Frage der Umänderung des Oberbaues der Landesverwaltung.2.) Umänderung des Unterbaues und Erweiterung der Machtbefugnisse und des Geschäftsbereiches des Landrates.
Beschluss zu Frage 1:Die Mitglieder der zivilen Verwaltung sind sich darüber klar, dass die Landesämter in der Benennung und Geschäftsverteilung der zentralen Verwaltung angepasst werden müssen.Um aber nicht den Eindruck zu erwecken, dass immer mehr Landesämter geschaffen werden, soll in der Öffentlichkeit zum Ausdruck gebracht werden, dass es nicht 12, sondern 4 Minister gibt.Jeder Präsident bzw. Vize-Präsident bekommt die Oberhoheit für verschiedene Landesämter:
Präsident Dr. PaulGesetzes-Abteilung, Präsidialkanzlei, Abteilung für Sonderaufgaben (Wirtschaftsstab), Justiz
Vize-Präsident BusseLandesamt des Innern, Landesamt für Arbeit, Landesamt für Sozialwesen und Landesamt für Gesundheit.
Vize-Präsident Dr. AppellLandesamt für Verkehr und Landesamt für Volksbildung
Vize-Präsident Dr. KolterLandesamt für Land- und Forstwirtschaft, Landesamt für Wirtschaft und Landesamt für Finanzen.
Dr. Kolter schlägt vor, ein einheitliches Landeswirtschaftsamt zu bilden und die übrigen betroffenen Ämter unterzugliedern.
Vize-Präsdent Busse fasst zusammen: Wir werden uns in der Organisation der Zentralverwaltungen angliedern. Über die Durchführung muss eingehend beraten werden.
Präsident Dr. Paul: Bei der nächsten Sitzung soll deshalb besprochen werden: Wie ist die Frage der Angleichung zu lösen?Wie ist eine finanzielle Belastung zu vermeiden?Wie ist die Angleichung vertretbar nach aussen?Ist der Zusammenschluss in einem gesamten Wirtschaftsamt möglich?
Vize-Präsident Busse schlägt vor, dass die Vize-Präsidenten mit den einzelnen Landesämtern all diese Fragen besonders beraten.
Die Ernährungslageist ausserordentlich Ernst. Präsident Dr. Paul liest einen Brief vor, den er dieserhalb an Generaloberst Tschuikoff geschrieben hat.
Dr. Klitzschvom Landesamt für Land- und Forstwirtschaft soll nach Jena berufen und zum ordentlichen Professor für Landwirtschaft ernannt werden.
Zu den Sitzungen der zivilen Verwaltungist pünktliches Erscheinen aller Beteiligten unbedingt erforderlich.

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten , Nr. 459, Bl. 154r-158r (ms. Ausfertigung).

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