Nr. 53a
o. D.
Wilhelm Girnus: Wieder Schule ab 1. Oktober. Weimar – P I T. Am 1. Oktober begann der Unterricht nach fast einjähriger Unterbrechung durch den wahnsinnigen Hitlerkrieg. 1 Das überlieferte Erbe ist katastrophal. 5 % der Schulgebäude in Thüringen sind restlos zerstört und 15 % beschädigt. Bei den Stadtschulen ist der Prozentsatz höher; 10 % sind zerstört und 25 % beschädigt. Der Neubeginn des thüringischen Schulwesens ist dadurch besonders schwierig, daß die Lehrerschaft hier mehr als anderswo durch den Hitler-Faschismus versucht ist. Nur sehr wenige waren nicht Mitglied der Nazi-Partei. Die Reinigung des Lehrkörpers von diesen unbrauchbaren Elementen ist eine der Hauptaufgaben. Der Anfang wurde im Landesamt für Volksbildung selbst gemacht. Fast 45 % der Angestellten und Beamten mußten entlassen werden. An ihre Stelle wurden bewährte Feinde des Faschismus gesetzt. Von den jetzt amtierenden 16 Abteilungsleitern und Referenten haben fünf zusammen rund 50 Jahre im Zuchthaus und Konzentrationslager gesessen. Landesdirektor Wolf 7 ½ Jahre Oberregierungsrat Brumme 7 ½ Jahre Regierungsrätin Fischer 10 ½ Jahre Regierungsoberinspektor A. Wolf 12 Jahre Regierungsrat Girnus 10 ½ Jahre 2 Regierungsrat Heilmann 3 Jahre Die Mehrzahl der anderen war vom Nazi-Regime gemaßregelt und verfolgt worden. Entlassen wurden ferner alle 30 Schulräte und durch Antifaschisten ersetzt, von denen sechs politisch bestraft und 17 gemaßregelt waren. Damit ist eine Garantie geschaffen worden, daß nunmehr das Schulwesen auf einer gesunden kulturellen Basis errichtet und kontrolliert werden kann, denn die genannten Mitarbeiter sind nicht nur politisch einwandfrei, sondern auch gleichzeitig wissenschaftlich und pädagogisch geschulte Fachmänner, deren Kenntnisse die Faschisten nicht gebrauchen konnten. In ihrer Hand liegt die Säuberung der Lehrerschaft. Die Zahl der Lehrkräfte in Thüringen bewträgt rund 8 400. Davon werden zirka 2 300 entlassen, also rund 25 %. Diese verteilen sich auf 2 060 Volks- und 70 höhere Schulen. Schulleiter, die früher Mitglied der NSDAP. waren, dürfen in Zukunft keine Schulen mehr leiten. Auch die verbleibenden Lehrkräfte müssen sich einer Umschulung unterziehen, da auch sie mehr oder weniger von dem faschistischen Gift angesteckt gewesen sind, selbst wenn sie keine aktiven Nazis waren. Jeder Deutsche muß heute umlernen. Bisher wurden 43 Kurse durchgeführt, an denen rund 2 500 Lehrkräfte teilnahmen. Die Kurse laufen weiter, und es müssen alle Lehrer durch diese Schule hindurchgehen. Die notwendigen scharfen Entlassungsmaßnahmen erzwingen die Heranziehung von Laien-Lehrkräften. Bisher liegen zirka 600 Bewerbungen vor. Es sollen Männer und Frauen sein zwischen 22 und 35 Jahren, die Liebe für den Beruf haben und bewährte Feinde des Faschismus sind. Ihre Vorbildung ist nicht entscheidend. Besonders erwünscht sind Kinder des werktätigen Volkes aus der Arbeiterschaft und Bauernschaft. Außerdem werden in sechsmonatigen Kursen jüngere Lehrkräfte an den Lehrerbildungsanstalten in Erfurt, Gera, Keilhau und Hildburghausen ausgebildet. Bei der Aufnahmeprüfung in Erfurt zeigte sich, daß kein großer Unterschied im Bildungsstand der Abiturienten und Volksschüler bestand, so hat der Faschismus unser Kulturkapital verwirtschaftet. Daneben ist die Fortführung der voll-akademischen Ausbildung an der erziehungswissenschaftlichen Anstalt der Universität Jena vorgesehen, die am 15. Oktober beginnen soll. 3 Auf dem Gebiete der religiösen und weltanschaulichen Unterweisung ist endlich zur Zufriedenheit aller eine klare Entscheidung gefallen. Religions- und weltanschaulicher Unterricht kann von den Vertretern der religiösen, frei-religiösen und sonstigen Organisationen erteilt werden. Räume dürfen von den Schulen zur Verfügung gestellt werden. damit wird dem Wunsch derjenigen Bevölkerungsteile Rechnung getragen, die durch den Faschismus an der religiösen Unterweisung ihrer Kinder gehindert waren. Die Lehrkräfte sind als Staatsbeamte zur Neutralität im Unterricht verpflichtet und dürfen die religiöse und freidenkerische Einstellung der Kinder nicht verletzen. Wir wollen die demokratische Einheit unseres Schulwesens sicherstellen. Wie man sieht, wird nicht nur der Geist des Faschismus im Schulwesen ausgerottet, sondern auch die Wiederherstellung der Zustände der Weimarer Republik verhindert, die uns den Faschismus bescherte. Die demokratischen Parteien sind sich darüber einig, daß ein neuer Weg beschritten werden muß, der eine Umkehr nach rechts für alle Zukunft unmöglich macht und dabei müssen alle ehrlichen Antifaschisten an einem Strang ziehen. Die Zusammensetzung des Landesamtes aus alten Kz-Insassen und Gemaßregelten bürgt dafür, daß süßlichen Leisetretern, die so gern ihre faschistische Konterbande unter einer falschen Flagge bei unserer Jugend einschmuggeln möchten, rasch das Handwerk gelegt wird. Dafür sorgt die Einheit der Antifaschisten.
W. G.

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar , Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten, Nr. 1761, Bl. 193r-195r (ms. Ausfertigung).

1 Der undatierte Text entstand nach dem Schulbeginn (1.10.1945) u. vor der Wiedereröffnung der Jenaer Universität (15.10.1945). 2 Wilhelm Girnus (1906-1985), KPD/SED, Verfasser dieses Textes, war in den KZ Oranienburg, Sachsenhausen und Flossenbürg sowie in den Zuchthäusern Plötzensee, Brandenburg und Amberg inhaftiert, von August bis November 1945 Abteilungsleiter im thüringischen Landesamt für Volksbildung, dann stellv. Intendant des Berliner Rundfunks (1946/49), später u.a. stellv. Chefredakteur des „Neuen Deutschland“ (1949/53), Staatssekretär für Hoch- und Fachschulwesen der DDR (1957/62), Chefredakteur der Zeitschrift „Sinn und Form“ (1964/81) . 3 Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten § 1 der „Verordnung über die akademische Lehrerbildung“ des Landesamtes für Volksbildung vom 1.10.1945 benannte die neu einzurichtende Erziehungswissenschaftliche Abteilung an der Philosophischen Fakultät der Jenaer Universität als künftigen Träger der „vollakademischen Lehrerausbildung für die Lehrer aller Schularten“ (Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, , Nr. 1745, Bl. 334r); damit knüpfte die Verordnung an die im Oktober/November 1923 vom Thüringer SPD-Volksbildungsminister Max Greil an der Jenaer Philosophischen Fakultät als Vorstufe einer künftigen pädagogischen Fakultät für die Lehrerbildung eingerichtete Erziehungswissenschaftliche Abteilung an, die von der konservativen Nachfolgeregierung im Mai 1924 wieder aufgehoben worden war; am 9.10.1945 beschloss der kommissarische Senat der Jenaer Universität die Gründung einer Sozial-Pädagogischen Fakultät (Dekan: Peter Petersen) für die Lehrerbildung, deren Kern die von Petersen 1924 eingerichtete u. seitdem von ihm geleitete Erziehungswissenschaftliche Anstalt bildete; den Lehrbetrieb an den bisherigen Fakultäten u. an der neu eingerichteten Sozial-Pädagogischen Fakultät genehmigte die SMA für den 1.12.1945.