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6. September 1945
Protokoll der Sitzung des Landesparteienblocks über die Stellungnahme zur Bodenreform


P r o t o k o l l der Block-Sitzung vom 6.9.1945.
Vertreten sind sämtliche Parteien des Antifaschistischen Blocks. Stellungnahme zur Bodenreform. Genosse S c h n e i d e r von der KPD eröffnet die Sitzung und begründet die plötzliche Einberufung mit der Tatsache, dass schnellstens zur Frage der Bodenreform Stellung genommen werden müsste. Eine entsprechende Entschliessung wird zur Beratung zur Verfügung gestellt. 1 Landesdirektor B ö h m e SPD befürwortet die Stellungnahme unter dem Gesichtswinkel, dass die Flüchtlinge aus bäuerlichen Gegenden angesiedelt werden müssen und die SPD prinzipiell mit der Inangriffnahme der Bodenreform einverstanden ist. Landesbankpräsident Dr. G a e r t n e r 2 weist darauf hin, dass die Bodenreform eine historische Tatsache sei und durch die Jahrhunderte der Vergangenheit nie eine zweckmässige Lösung gefunden hat. Eine Reihe von Fragen entstehen dabei, u.a. sind [in] 3 die vorgesehenen 100 ha. optimale Grösse in der Enteignung auch der Besitz des Staates eingeschlossen. Die Begründung des Vorredners halte ich für beachtlich. Landesdirektor M o o g, Demokratische Partei. Es ist erwünscht, dass solche Entschliessungen mindestens 1 Tag vorher den Parteien überreicht werden, um in ihrem Kreis dazu Stellung zu nehmen. Grundsätzlich bin ich kein Gegner, aber eine gewisse Bedenkzeit ist unerlässig. Ob.Rg.Rat B i e l i g k, SPD. Die Frage der Bodenreform ist nicht neu. Zur Ansiedlung von neuen Menschen gehören aber Inventar, Wirtschaftsgebäude, Vieh, Saatgetreide und a.m. Eine weitere Frage ist, ob auch sofort der Boden bearbeitet werde, denn in der Ernährung darf unter keinen Umständen eine Stockung eintreten. Wir wünschen aber keine neuen Besitzer. Wenn schon enteignet wird – und das halten wir für richtig – dann ist der gewonnene Boden auf genossenschaftlicher Grundlage oder in Erbpacht zu vergeben. Vizepräsident B u s s e, KPD. In dieser Frage sind wir nicht unerfahren, aber sind an die Zeit gebunden. Der Gross-Grundbesitz ist nachweislich der Hort des Faschismus. Herr R i e d e l, 4 Christl. Demokratische Union. Dieses politische Problem ist mit dem Ost-Problem stark verbunden. Man kann ohne Unterlagen der Entschliessung nicht ohne weiteres zustimmen. Die Bodenreform muss sinngemäss in Angriff genommen werden und dazu ist Zeit notwendig. Ob.Rg.Rat B r a c k, SPD. Die Begründung meines Parteifreundes Böhme erkenne ich ohne weiteres an. Nicht einverstanden bin ich, an Stelle der bisherigen Besitzer neue zu schaffen, deren politische Zuverlässigkeit völlig unbekannt ist. Ich erinnere an die Landbund-Agitation eines Herrn Höfer, 5 der der Vorläufer nazistischer Organisationen gewesen ist und dem die Bauern in Scharen zugelaufen sind. 5 ha. sind für thüringische Verhältnisse völlig ungenügend. Selbst in landwirtschaftlichen fruchtbaren Gegenden, aus denen ich selbst stamme, ist der Kleinbauer von 20 Morgen ein Prolet in seinem Stande, daher schlage ich vor, eine kleine Kommission zu bestimmen, die eine entsprechende Entschliessung auszuarbeiten hat. Herr Z u m h a s c h, Demokratische Partei. Es gibt eine Reihe von guten Antifaschisten, die 100 ha. und mehr Land besitzen. Diese zu enteignen wäre betrüblich. Ich bin dafür, dass die überschiessende Besitzhöhe über 100 ha. in einigen Fällen zur Verfügung gestellt wird, aber der Gesamtbesitz nicht angetastet wird.Es wird beschlossen, für Sonnabend, den 8. d. M. eine Kommission aus je einem Vertreter der anwesenden Parteien zu benennen, die mit der redaktionellen Fassung einer Entschliessung beauftragt wird.
Schluss der Sitzung 20 Uhr.Weimar, den 8.9.1945 Brack Br./Ms.

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Bezirksparteiarchiv der SED Erfurt, V/6/2, n. fol. (ms. Durchschrift); auch überliefert in: Archiv für Christlich-Demokratische Politik der Konrad-Adenauer-Stiftung St. Augustin, 03-031-106, n. fol.; als Fotokopie in: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Bezirksparteiarchiv der SED Erfurt , V/6/14-002, n. fol., als Nr. 12 bezeichnet; abgedr. bei: Malycha: Auf dem Weg (1995/D), S. 112-114.

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