5. September 1945
Beratung der Landesverwaltung Thüringen mit dem sächsischen Landespräsidenten Rudolf Friedrichs über die „Evakuiertenfrage“


N i e d e r s c h r i f t
über die Sitzung der Landesverwaltung Thüringenvom 5. September 1945

Anwesend:
1. Vizepräsident B u s s e
2. Vizepräsident Dr. A p p e l l
3. Vizepräsident Dr. K o l t e r
Landesdirektor M o o g
Landesdirektor B ö h m e
Landesdirektor Dr. F i s c h e r
Landesdirektor Dr. D r e c h s l e r
Regierungsrat E y e r m a n n
Regierungsrat M a r t i n i

Ausserdem waren anwesend:
Präsident der Landesbank Dr. G a e r t n e r
Präsident des Landes Sachsen Dr. F r i e d r i c h s ) aus
Vizepräsident des Landes Sachsen F i s c h e r ) Dresden

Es wurde behandelt: 1

Evakuiertenfrage.
Vizepräsident Busse berichtet über das Problem der Unterbringung der Flüchtlinge aus Polen und der Tschechei. Es ist mit einem Flüchtlingsstrom von etwa 12 bis 14 Millionen Menschen zu rechnen. Auf Thüringen entfallen davon über 1,2 Millionen, auf die Provinz Sachsen etwa 3 Millionen. Der Anteil des Landes Sachsen konnte noch nicht festgestellt werden. Vom Balkan sind etwa 9 Millionen zu erwarten.Es kann nicht abgewartet werden, bis eine allgemeine für das gesamte Reichsgebiet gültige Regelung erfolgt, da die Gefahr von Typhus, Verhungern usw. ausserordentlich gross ist. Wir müssen augenblicklich steuern. Der geordnete Weitertransport soll wie bisher weitergeführt werden.Es sollen Berichte an die Administration gegeben werden, in denen auf die Dringlichkeit dieser Frage hingewiesen wird. Bei den bevorstehenden Besprechungen in Berlin soll die Flüchtlingsfrage mit zur Debatte gestellt werden. Dem thüringischen Volk, Provinz und Land Sachsen muss gesagt werden, dass und wie das Problem gelöst werden wird.

Präsident Friedrichs
gibt Bericht über die Flüchtlingsfrage im Lande Sachsen. Es kamen nicht nur Flüchtlinge aus dem Osten, sondern auch grosse Mengen aus dem Westen zurück, sie wollten ihre Heimat wieder erreichen. Inzwischen waren die Polen bis an die Neisse vorgerückt und sperrten plötzlich die Neisse im Osten ab, der ganze Strom der Flüchtlinge staute sich in Ostsachsen, besonders im Gebiet Görlitz, zu gleicher Zeit trieben die Polen die Deutschen aus Schlesien heraus. Diese Leute stauen sich auch in Westsachsen. In kleinen Bezirken haben sich bisweilen 200 000 Menschen gestaut, sie haben die Felder geerntet, Kartoffeln herausgeholt, es entstehen Krankheiten, Hungersnot. Auch aus der Tschechoslowakei, die die Deutschen ausweist, 2 kommen Flüchtlinge über die sächsische Grenze und überschwemmen das Land. Über die Transporte wird die Regierung nicht benachrichtigt, sie steht dann von heute auf morgen vor dieser Tatsache, trotzdem habe sie alles getan, um die Transporte weiterzuleiten. Die Flüchtlinge waren vollkommen heruntergewirtschaftet, sie hatten nur, was sie auf dem Leibe tragen, kein Geld, kein Essen, schwer erkrankt, sie konnten nicht weiter laufen, legten sich auf die Strasse vor Erschöpfung. Krankenhäuser und Altersheime in Sachsen sind vollkommen überfüllt mit Leuten, die nicht mehr weiter können, sie müssen verpflegt und gekleidet werden, zuweilen sind bis zu 3 Millionen Flüchtlinge in Sachsen. Dazu kommt, dass das Land Sachsen zu einem der dicht besiedeltsten Länder Europas zählt. Die Regierung hat alles versucht, die Flüchtlingsströme weiter zu leiten, die Frankfurter Gegend lehnte die Aufnahme ab, die Leute kamen wieder zurück.
Die Regierung kann das Problem nicht mehr lösen, in Sachsen gibt es schon ausgesprochene Hungergebiete (Görlitz, Teile des Erzgebirges) und grösste Schwierigkeiten in den Großstädten. Dazu kommt, dass der Ostteil von Sachsen stark durch den Krieg in Anspruch genommen worden ist, dort fehlen die Pferde, Kühe und anderes Vieh. Es muss mit der Administration gearbeitet werden dahin, dass die benachbarten Gegenden Leute aufnehmen müssten. Tre[c]ks, Eisenbahn und Wasserweg müssen benutzt werden.
Das Land Sachsen ist dankbar, dass Thüringen gut gearbeitet hat, während die Provinz Sachsen die Flüchtlinge nicht aufgenommen hat, man hat dort Polizei aufgestellt und die Leute geradezu zurückgetrieben; dadurch wurde grosse Hungersnot in die Flüchtlinge hineingebracht. Offiziell wurde von der Reichsbahndirektion Dresden mitgeteilt, dass Reichsbahndirektion Halle (Leipzig gehört zur Direktion Halle) angeordnet hat, dass die Strecke Riesa-Leipzig, Riesa-Dresden-Chemnitz gesperrt werde. Der Verkehr stockt dort vollkommen. Tausende von Flüchtlingen hungern und sterben in den Eisenbahnzügen. Es ist eine vollkommene Desorganisation eingetreten. Wenn dem nicht gesteuert wird, müssen alle Leute verhungern; sie gehen auf Marsch und werden die Grenzen überströmen. Die Seuchengefahr ist gross. Längeres Verhandeln hilft nichts, Sachsen kann die Menschen nicht mehr ernähren, es ist völlig überfüllt. 9 Millionen sind noch auf dem Anmarsch, wir müssen mit Kälte rechnen und die Leute müssten zugrunde gehen.

Landesdirektor Böhme
bittet die Herren aus Sachsen, nicht über unseren Kopf hinweg Flüchtlinge in Thüringen unterzubringen. Er trägt weiter vor:
Anordnungsgemäss kam ein Zug Flüchtlinge nach Langensalza, der Kreiskommandant hat es verboten, sie auszuladen. Obwohl General Kolesnitschenko von der Administration Anweisung gegeben hat, dass die Annahme dieses Zuges erfolgen müsse, hält der Kreiskommandant sein Verbot aufrecht. Er bittet, bei der Administration auf Grund der heutigen Besprechung vorstellig zu werden, dass die Kommandanten bei der Unterbringung der Flüchtlinge keine Schwierigkeiten machen dürfen.

3. Vizepräsident Dr. Kolter
hält Vorstellungen bei der Zentral-Administration in Berlin für erforderlich dahingehend, dass die Demarkationslinie nach dem Westen geöffnet wird. Die 4 Mächte hätten sich bisher aus formalen Gründen geweigert, die Demarkationslinie zu öffnen, wenn die Flüchtlinge aus Thüringen nach dem Westen zurück wollten. Bei dem Kontrollrat in Berlin müsste diese Frage geregelt werden. Wir bekommen grosse Ernährungsschwierigkeiten und stehen vor einem Untergang, wenn die Grenzen nicht geöffnet werden. Warum nimmt Bayern nicht auch Flüchtlinge auf? Nur im bayerischen Wald seien Flüchtlinge aufgenommen worden.

Landesdirektor Böhme
In den Grenzkreisen in Thüringen sei der Zustrom ziemlich gross von Westflüchtlingen, sie kommen aus dem östlichen Raum und siedeln sich in unserem Grenzgebiet an. Auf dem Eichsfeld sind etwa 30 000 Evakuierte aus dem Westen, die in ihre Heimat wollen.

2. Vizepräsident Dr. Appell
fordert, dass das Öffnen der Demarkationslinie nach Westen jetzt in den Vordergrund treten muss.

1. Vizepräsident Busse
will alles unterstrichen weitergeben. Er weist darauf hin, dass hinter der Demarkationslinie bestimmt auch viele Menschen stehen, die vom Westen nach dem Osten wollen. Die Alliierten machten vermutlich Schwierigkeiten, weil im Westen viel mehr vernichtet worden ist. Eisenbahner mit ihren Angehörigen, zusammen etwa 14 000 Menschen werden von Köln und Essen dringend angefordert, können aber nicht über die Grenze. Das Problem der Flüchtlinge ist besonders wichtig. Die Gerüchtemacherei, wie Öffnen der Westgrenze, Öffnen der Neißegrenze und Wiederschliessen der Linien hält den Flüchtlingsstrom immer in Bewegung.

2. Vizepräsident Dr. Appell
hält es für erforderlich, dass Sachsen, Provinz Sachsen und Thüringen gemeinsam in Berlin wegen Klärung der Fragen vorstellig werden müssen. Es muss vor allem auch die seelische Spannung von den Westflüchtlingen genommen werden, indem man sie wieder in ihre Heimat zurückbringt.

Landesdirektor Dr. Fischer
erklärt, Ermittlungen hätten ergeben, dass die Flüchtlingszüge aus dem Osten, bevor sie die thüringische Grenze überfahren, nach arbeitsfähigen Männern ausgekämmt werden. Er verlangt, dass die Züge geschlossen herüberkommen, damit auch wir arbeitsfähige Leute bekommen.

Landesdirektor Dr. Appell fragt, ob die arbeitsfähigen Leute wirklich in Sachsen zurückgehalten werden.

Präsident Friedrichs
bestreitet das. Sachsen behalte keine arbeitsfähigen Leute zurück, es habe überall Arbeitslosigkeit an Facharbeitern, besonders in Leipzig.
Abschliessend wird vereinbart, dass wöchentlich 2 mal ein Zusammentreffen in Dresden zur Behandlung der Flüchtlingsfrage stattfinden soll.
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Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten , Nr. 459, Bl. 111r-113r (ms. Ausfertigung).

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