22. August 1945
Über die Auswirkung der Bankensperre unter der Bevölkerung und den Flüchtlingsstrom aus Sachsen


N i e d e r s c h r i f t
zur Regierungssitzung vom 22. August 1945
Anwesend:
Präsident des Landes Thüringen Dr. P a u l
1. Vizepräsident B u s s e
2. Vizepräsident Dr. A p p e l l
3. Vizepräsident Dr. K o l t e r
Landesdirektor M o o g
Landesdirektor L e t t a u
Landesdirektor B ö h m e
Landesdirektor Dr. D r e c h s l e r
Regierungsrat M a r t i n i
Regierungsrat E y e r m a n n
Regierungsrat E w e r t h


Es wurde behandelt:
Die Auswirkung der Sperrung der Banken unter der Bevölkerung.
Gestern sprachen Abgeordnete der Bergarbeiterschaft vor und hielten einen Vortrag über die Auswirkung der Bankangelegenheit. Ihren Darstellungen nach sind die Arbeiter voller Wut gegen die Rote Armee und nicht zuletzt auch gegen die Landesverwaltung. Herr Dr. Paul beabsichtigt, bei der Militär-Administration einen Versuch zu unternehmen, um durch entsprechenden Antrag etwas von den kleinen Sparkonten freizubekommen. Somit wäre dann wenigstens den Ärmsten der Bevölkerung einiges gesichert.
Herr Moog beanstandet, daß in der Zeitung gleich neben der amtlichen Bekanntmachung ein Artikel steht, überschrieben „Der Sparer“, der den Leuten gerade das sagt, was in der Bekanntgabe der Regierung bisher vermieden wurde und somit natürlich die allgemeine Aufregung noch mehr steigerte.
[…] 1


Der Oberbürgermeister von Eisenach meldet ,
daß sämtliche kommunalen Kassen, Forstkassen, Rentämter, Gemeindekassen usw. von den Russen geschlossen worden wären. Es seien nicht nur alle Gelder entzogen, sondern auch sämtliche Unterlagen. Jede ordentliche Verwaltung sei deshalb unmöglich. Herr Präsident Dr. Paul will bei der Administration dieserhalb vorstellig werden.

[…] 2
Flüchtlingsstrom von Sachsen.
Das Rote Kreuz hat mit Vertretern des Landes Sachsen, der Provinz Sachsen, Thüringen und Brandenburg eine Besprechung gehabt, wo die Flüchtlingsfrage behandelt wurde. Angeklagt wurde Sachsen. Auf Grund der anerkannt katastrophalen Lebensmittellage wurden den Leuten die Lebensmittelkarten entzogen, wenn sie sich nicht gleich in Marsch setzten. Diese Masseneinbrüche waren nicht nur in Thüringen, sondern z. B. auch in Brandenburg. Am 3.9.1945 soll in Berlin eine nochmalige Sitzung mit den Vertretern dieser Länder stattfinden, um diese Dinge endgültig zu regeln. Von uns aus sind 150 Hilfspolizisten angestellt, die die Grenzsperre bewachen und alles zurückweisen, was nicht ordnungsgemäß gemeldet ist. Ordnungsgemäß gemeldete Züge werden eingelassen und wie bisher betreut.
In Berka an der Werra
hat der Kommandant Leute zurückgewiesen nach Eisenach. An der Grenze hatten sich die Flüchtlinge zu Scharen eingefunden und dort gestaut, weil Gerüchte im Umlauf sind, daß die Grenze zeitweise geöffnet wäre. Der Oberbürgermeister von Eisenach ist in Sorge, daß eventuell ein ungeheurer Zustrom von Menschen in die Stadt erfolgt.
Deutsche Kriegsgefangene
kommen aus dem Osten und Westen nach Hause. Es ist verboten, die feldgraue Uniform zu tragen. Um diese Männer nicht von den Russen verhaften zu lassen, wie das schon öfters vorgekommen ist, will das Rote Kreuz auf den Bahnhöfen Zivilkleidung für sie zur Verfügung halten.
Die in Thüringen befindlichen westdeutschen Bahnarbeiter
werden dringend im Westen gebraucht. Diese Abwanderung wäre eigentlich erwünscht, da somit gleich Luft würde für den Zustrom aus Sachsen. Bisher ist allerdings noch keine Möglichkeit gewesen, Ausreisegenehmigungen für diese Leute zu erhalten, da Berlin in dieser Angelegenheit zuständig wäre.
[…] 3


Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen - Büro des Ministerpräsidenten , Nr. 459, Bl. 76r-79r, hier 76r, 78r (ms. Ausfertigung).

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