Rundschreiben des kommissarischen Landesdirektor des Innern Friedrich Buchwald zur „Lenkung des Flüchtlingsstroms“

Thür. Landesamt des Innern
Weimar, den 3. August 1945
An die Herren Landräte
Eilt sehr!
an die Herren Oberbürgermeister

Betr. Lenkung des Flüchtlingsstroms
Die endgültigen Anordnungen zum Runderlass des Herrn Präsidenten des Landes Thüringen vom 2.8.45 über die gleiche Angelegenheit ergehen, sobald über die augenblicklich über diese Frage in Berlin schwebenden Verhandlungen eine Meldung vorliegt. Z. Zt. läßt sich noch in keiner Weise übersehen, in welcher Zahl die Flüchtlinge nach Thüringen kommen, ob im wesentlichen mit der Bahn oder in Fußmarsch, ob sie nur durch Thüringen durchziehen sollen und von der amerikanischen und englischen Besatzungsmacht in die Nachbargebiete hineingelassen werden oder ob sie endgültig in Thüringen aufgenommen werden sollen.
Im gegenwärtigen Augenblick müssen auf jeden Fall die nach Thüringen hereinströmenden Flüchtlinge irgendwie untergebracht und verpflegt werden. Dazu ist aber Voraussetzung, daß das Landesamt rechtzeitig erfährt, wann und in welcher Zahl ein Flüchtlingstransport sich der Landesgrenze nähert, ob für diesen bereits ein endgültiges Ziel und welches bestimmt ist und ob für diesen irgendwelche Verpflegungen bereits vorhanden sind. Dazu haben die Herren Landräte der Grenzbezirke (Altenburg, Greiz, Schleiz, Gera, Saalfeld) sofort mit der örtlichen Eisenbahnverwaltung, der zuständigen Eisenbahndirektion, den benachbarten sächsischen usf. Landräten und allen anderen Stellen, von denen sie rechtzeitig eine Nachricht bekommen können, Fühlung zu nehmen und dem Landesamt des Innern auf schnellstem Wege Meldung zu erstatten (Rufnr. 265, 266; Apparat 7). Das Landesamt wird sodann ebenso auf schnellstem Wege (möglichst in Form der telefonischen Antwort) angeben, in welchen Kreis der Flüchtlingsstrom zunächst zu leiten ist. Der Herr Landrat des ersten Kreises hat diese Marschzielanweisung dem Führer des Flüchtlingszuges schriftlich mitzugeben. Die Herren Landräte bzw. Oberbürgermeister der berührten Kreise und der vorläufigen Zielkreise (diese werden auf schnellstem Wege vom Landesamt verständigt) müssen zunächst für vorläufige Unterbringung und Verpflegung sorgen.
Dr. Buchwald
Beglaubigt:
Unterschrift
Angestellte

Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar , Land Thüringen - Ministerium des Inne, Nr. 3624, Bl. 1r, 1v (hektographiert); abgedr. bei Wille: Die Vertriebenen, Bd. 1 (1996/D), S. 115.