2. August 1945
Runderlass des Landespräsidenten Rudolf Paul über die Zuständigkeiten zur „Lenkung des Flüchtlingsstroms“ und zur Bildung von Flüchtlingsausschüssen (Auszug)

Weimar, 2. August 1945

Andie Landesämterdie Oberbürgermeister und Landrätedie Landesstelle und die Kreisstellen des Deutschen Roten Kreuzes

I.
Die erforderlichen staatlichen Anordnungen zur Lenkung des Flüchtlingsstromes und zur Bestimmung der Unterkunftsräume ergehen durch das Landesamt des Innern. Im übrigen wird zur Zusammenfassung aller helfenden Kräfte die Bearbeitung der Flüchtlingsbewegung dem Roten Kreuz Thüringen federführend übertragen. Bei der Landesstelle des Roten Kreuzes wird, um die reibungslose Zusammenarbeit der zentralen Landesbehörden sicherzustellen, ein Flüchtlingsausschuß gebildet, dem außer Vertreter des Roten Kreuzes je ein Bevollmächtigter
des Landesamts des Innern
des Landesernährungsamts
des Landesgesundheitsamts
des Landesverkehrsamts
des Landesfürsorgeverbandes
des Landesamts für Sozialpolitik
angehören.
Vorsitz und Leitung dieses Ausschusses hat der Landesvorsitzende des Roten Kreuzes; er hat mit den Bevollmächtigten laufend enge Fühlung zu halten, um sicherzustellen, daß die beteiligten Behörden rechtzeitig alle erforderlichen Anordnungen treffen und durchführen.

II.
Bei den Kreisstellen des Roten Kreuzes sind für deren Bereich entsprechende Flüchtlingsausschüsse zu bilden. Der Kreisvorsitzende des Roten Kreuzes hat dabei die gleiche Stellung wie der Landesvorsitzende nach 1 Absatz 3. Soweit eine Kreisstelle mehrere Kreise umfaßt, müssen die Behörden jedes Kreises in dem Ausschuß vertreten sein.

III.
Die Flüchtlingsausschüsse haben insbesondere die Aufgabe,
a. die Flüchtlingsbewegung im Einvernehmen mit den staatlichen und kommunalen Organen zu lenken, die Flüchtlinge zu versorgen und gegebenenfalls unterzubringen,
b. elternlose Kinder zu sammeln und unterzubringen,
c. die Transportunfähigen (Kranke, Schwangere, Gebrechliche) für die Dauer ihrer Transportunfähigkeit in Krankenhäuser oder Heime zu überweisen oder sonst unterzubringen.

IV.
Die für Unterbringung, Verpflegung, Betreuung und Transport entstehenden Kosten fallen den Bezirksfürsorgeverbänden zur Last, soweit sie nicht von Hilfsorganisationen gedeckt werden. Für die dem Roten Kreuz entstehenden Verwaltungsausgaben wird ein monatlicher Zuschuß aus Mitteln des Landesfürsorgeverbandes gewährt. Die näheren Bestimmungen erläßt das Landesamt des Innern.

V.
Zur Bergung der Ernte können die Arbeitsämter in Ausnahmefällen auch durchziehende Flüchtlinge vorübergehend heranziehen; die Familien dürften jedoch dabei nicht getrennt werden.

VI.
Die in das Land Thüringen neu hereinströmenden Flüchtlinge sind möglichst in Sammellagern zu erfassen und, soweit ein Eisenbahntransport nicht möglich ist, auf festgelegten Marschwegen geschlossen und unter polizeilichem Schutz in die zugewiesenen Räume zu führen. Größere Städte sind dabei möglichst zu umgehen. Auf den Marschstraßen sind Durchgangslager, Verpflegungsstätten und ärztliche Stützpunkte einzurichten.

VII.
Diese Verordnung gilt nicht für Flüchtlinge, die bei dem Inkrafttreten dieser Verordnung in Thüringen bereits feste Unterkunft gefunden haben.

Quelle: Wille: Die Vertriebenen, Bd. 1 (1996/D), S. 113-115 (Abdruck). 1

1