Nr. 18d
26. Juli 1945

Aktennotiz des Landesdirektors für Wirtschaft Curt Fischer über zwei Besprechungen mit dem SMATh-Verwaltungschef Iwan S. Kolesnitschenko (zeitweise auch dem SMATh-Chef Wassili I. Tschujkow) zur Bankenreform


Dr. F./B.
Aktennotiz :
Weimar, den 26. Juli 1945

Betr.: Bankenreform; 2 Besprechungen bei
Sowjet-Militäradministration Weimar

Anwesende:
Regierungspräsident Dr. Paul 1 Dr. Fischer 2 Herr Schneider als DolmetscherVon der Sowjet-Militäradministration General Kolesnitschenko 3 General Tschujkow. 4 Bei der zweiten Besprechung war außerdem noch anwesend Dr. Gaertner, Präsident der Thüringischen Staatsbank. 5 Die Sowjet-Militäradministration hatte auf Grund einer Anordnung von Berlin am 25. d. M. abends an alle örtlichen Kommandaten im Lande Thüringen verfügt, sämtliche Bankinstitute sofort zu schließen. Hiergegen wurden von Seiten der Regierung am 26. Juli 6 in einer Besprechung um 12 Uhr Vorstellungen erhoben, insbesondere mit dem Hinweis auf 1. den Lohnzahlungstermin am Freitag,2. den Sondergeldbedarf für Ultimo,3. die allgemeine Beunruhigung in der Bevölkerung.Die Sowjet-Militäradministration erklärte, daß Marschall Shukow befohlen habe, daß in allen Ländern von den sie vertretenden Regierungen eine Bankenreform sofort durchzuführen sei. Befriedigende Vorschläge sollten bis zum Ablauf des heutigen Tages gemacht werden. Dann könnten alle Banken im Lande Thüringen am 27. Juli bereits mit dem Neugeschäft beginnen. Die grundlegenden Gesichtspunkte, die der Sowjet-Militäradministration von ihrer vorgesetzten Stelle in Berlin für den Neuaufbau der Banken vorgeschrieben worden sind, kamen in der ersten Besprechung nicht eindeutig und umfassend zum Ausdruck. Es wurde seitens General K. zuerst nur auf folgende Gesichtspunkte abgehoben:1. Der bisherige Bankenapparat, insbesondere die privaten Großbanken mit ihrem Filialnetz über ganz Deutschland, sind bankrott.2. Es ist sofort unter Führung und Aufsicht einer zentralen staatlichen Bank ein neues Bankennetz im Lande Thüringen aufzuziehen.3. Privatbanken und Spezialinstitute können daneben weiter zugelassen bleiben.
Unter Vorsitz des neu ernannten Präsidenten der Thüringischen Staatsbank, Herrn Dr. Gaertner, wurde eine Kommission für die Bankenreform konstituiert, die sofort ihre Beratungen aufnahm. An der ersten Beratung waren beteiligt:
Regierungspräsident Dr. Paul,Präsidient der Thüringischen Staatsbank, Dr. Gaertner,Regierungsdirektor Dr. Fischer, Oberregierungsrat Dr. Koch, 7 Staatsbankdirektor Dr. Anke,Sparkassendirektor Eisele. Es wurde ein erster Vorschlag durchberaten, der im wesentlichen die Ermächtigung an die Thüringische Staatsbank ausspricht, die Geschäfte sämtlicher Kreditinstitute in Thüringen zu überwachen und die Berechtigung des Präsidenten des Landes Thüringen ankündigt, eine Bankenreform in dem von der Sowjet-Administration befohlenen Sinne durchzuführen. 8
Eine zweite Besprechung mit der Sowjet-Administration fand am 26. Juli, 22 bis 24 Uhr, statt. Diese Besprechung wurde eingeleitet mit der Vorlage des ersten Entwurfs der Kommission für die Bankenreform.
General K. bezeichnete den Entwurf als nicht ausreichend. Er gab andererseits bekannt, daß unseren Vorstellungen in der ersten Besprechung hinsichtlich der durch die Bankenschließung unmöglich gemachten Lohnzahlungen bereits dadurch entsprochen sei, daß an sämtliche zuständigen Befehlsstellen im Lande Thüringen die Anordnung ergangen sei, den Banken die Auszahlung der Gelder für Lohnzahlungen an die Betriebe in Höhe der Vorwoche zuzulassen.Im Verlaufe der Besprechung kam die grundsätzliche Auffassung der Sowjet-Militäradministration über den Neuaufbau des Bankenapparates klar zum Ausdruck:1. Ausgangspunkt:Der gesamte bisherige Bankenapparat ist bankrott.2. Die Unterzeichnungen sollen nicht nur die uneinbringlich gewordenen Forderungen, die sie gegenüber dem Reich und sonstigen Einrichtungen der öffentlichen Hand aus Kriegslieferungen und anderen wirtschaftlichen Vorgängen besitzen und in ihren Bilanzen als Aktiva ausweisen, als uneinbringlich ausbuchen, sondern sollen auch die Folgerung ziehen müssen, daß ihre bisher in ihren Bilanzen als Aktiva ausgewiesenen Guthaben bei dem deutschen Bankenapparat vorerst als uneinbringlich anzusehen sind, vorbehaltlich einer vermögensrechtlichen Abwicklung der bisherigen Bankinstitute.3. Die Vorstellung der Sowjet-Militäradministration geht dahin, unter das gesamte aktive Passivgeschäft aller Bankinstitute mit sofortiger Wirkung einen Strich zu ziehen und durch einen neuen Bankenapparat ein Neugeschäft aufzuziehen. 4. General K. wies darauf hin, daß in Berlin bereits diese Gesichtspunkte verwirklicht wären 9 und war damit einverstanden, daß die Herren, die mit dem Neuaufbau im Lande Thüringen betraut sind, sich an Ort und Stelle Einzelheiten des dortigen Aufbaus ansehen. Diesen Gedankengängen gegenüber betonte Herr Regierungspräsident Dr. Paul, unterstützt von Herrn Dr. Fischer und Herrn Dr. Gaertner, daß eine solche Maßnahme innerhalb 24 Stunden zu einem wirtschaftlichen Zusammenbruch im Lande Thüringen führen müsse. Die deutsche Wirtschaft sei auf dem Grundsatz aufgebaut, daß im Sinne privater Wirtschaftsform jede Unternehmung für sich nach dem derzeitigen Handelsrecht finanziert werde und wenn nunmehr mit einem Federstrich der Wert sämtlicher bisher ausgewiesenen Forderungen 1. an das Reich oder sonstige Einrichtungen der öffentlichen Hand, 2. an die Bankinstitute als wertlos gestrichen werden sollten, jeder, auch der gesündeste Betrieb den Bankrott anmelden müsse und sein bisheriger wirtschaftlich Aufbau zusammenbrechen muß.Eine weitere offene Frage ist die Kapitalgrundlage der neuaufzuziehenden Banken, ebenso aber auch die Kapitalgrundlage der aufrecht zu erhaltenden und in ihrer Arbeit zu fördernden Wirtschaftsbetriebe. Wenn in der Wirtschaft (einschließlich der Bankinstitute) sämtliche Forderungen an das Reich und sonstige Einrichtungen der öffentlichen Hand und sämtliche Guthaben bei Bankinstituten als wertlos gestrichen werden, bleibt den Betrieben nur noch das Anlagevermögen, die nach 6 Jahren Kriegswirtschaft überall sehr geringen Läger an Roh- und Hilfsstoffen sowie Fertigfabrikate und etwaige Werte, die noch in den Wertpapieren und anderen enthalten sind. Bei der engen Verflechtung der deutschen Wirtschaft könnten Betriebe auch ihre Forderungen an die Kundschaft nicht mehr einziehen, da die Kunden selbst wieder durch von den Russen angeordnete allgemeine Maßnahme ihre den Schulden entgegenstehenden Guthaben, z. B. bei den Banken, ja als wertlos gestrichen erhalten sollen.Die von der Sowjet-Militäradministration vorgesehene Maßnahme würde also nicht nur einen Neuaufbau des Bankenapparates unter maßgeblicher Führung durch eine Staatsbank mit dem Namen „Thüringische Landesbank“ zur Folge haben, sondern zwingt darüber hinaus zu einem allgemeinen Moratorium und zu schärfsten Kapitalzusammenlegungen in der Wirtschaft. Ein derartiger Ausgleich des durch den Krieg hervorgerufenen Schuldenüberhangs innerhalb Deutschlands erscheint deshalb ungerecht, weil gerade jener Kreis der Nutznießer ist, der in der Vergangenheit entgegen der Aufrufe zur Disziplin im Zahlungsverkehr Bargeld gehamstert hat. Sollten diese Maßnahmen in dem von General K. abgezeichneten Ausmaße durchgeführt werden müssen, so müßte auch eine neue Währung oder zumindest eine Abstempelung der bisher umlaufenden Zahlungsmittel erfolgen. Die von der russischen Besatzungsbehörde in Berlin angeordnete Bankenneugestaltung würde die Regierung des Landes Thüringen zwingen, zu folgenden grundlegenden Problemen Stellung zu nehmen:1. Sicherung der Versorgung der Wirtschaft mit Zahlungsmitteln mit dem neuen Bankenapparat,2. Problem der Währung für diesen neuen Bankenapparat,3. Schuldenregelungs-Moratorium,4. Kapitalzusammenlegungen,5. Kapitalaufbringung für die neuen Banken.Als Sofortprogramm hat General K. angeordnet, daß bis zum 27. Juli abends eine Liste des neuen Bankenapparates für das Land Thüringen einzureichen ist.Im Einverständnis mit Herrn Regierungspräsident Dr. Paul wurde für diese Arbeiten eine Kommission konstituiert. Den Vorsitz hat der Präsident der Thüringischen Staatsbank, Dr. Gaertner. Weitere Mitglieder vorerst
Dr. Koch,
Dr. Anke von der Thür. Staatsbank undHerr Eisele von der Sparbank.
Herr Dr. Gaertner kann für die weiteren Arbeiten dauernd oder zu einmaligen Sitzungen noch andere Sachkenner aus den Bankinstituten des Landes Thüringen zur Mitarbeit heranziehen.
Dr. Fischer

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