29. Juli / 18. August 1945
Rundschreiben des Generalsekretariats der Demokratischen Partei, Landesverband Thüringen mit dem Bericht über die Gründungsveranstaltung und der Entschließung zur Zusammenarbeit mit der CDU

Demokratische ParteiWeimar, den 18. August 1945Landesverband Thüringen---Generalsekretariat

Liebe Parteifreunde!
Nach einem Zeitraum von mehr als 12 Jahren ist nunmehr die Demokratische Partei auch in Thüringen wieder auf dem Plan erschienen. Die Vorbereitungen für dieses Ereignis reichen zwar bis in die Zeit unmittelbar vor und nach dem Zusammenbruch des Naziregimes zurück, aber nach aussen werden wir immer an dem Datum des 29. Juli 1945 festhalten müssen. Denn an diesem Tage fand in dem traditionellen Raum für Demokratische Parteitagungen, im Saal des Hotels „Kaiserin Augusta“ zu Weimar, die Erste Landesausschusssitzung der neugegründeten Demokratischen Partei Thüringens statt. Rund 150 Personen aus allen Teilen des Landes waren herbeigeeilt, um an dieser denkwürdigen Veranstaltung teilzunehmen und zugleich Dolmetscher ihrer heimatlichen Gesinnungsfreunde zu sein. In sechsstündiger Sitzung wurden Referate gehalten und eine Aussprache durchgeführt, die ebenso von hohem Niveau wie von der Tatsache zeugten, dass der alte Demokratische Geist nicht nur noch lebt, sondern nun wie der Phönix aus der Asche emporsteigt, um auf alle Regungen unseres öffentlichen Lebens zu wirken.
Für ihre Arbeit in den Ortsgruppen und bei der Werbung von Gesinnungsfreunden geben wir daher den Vorständen der Bezirksgruppen hiermit einen kurzen Überblick über die Sitzung vom 29. Juli 1945, weil in ihr vieles Grundsätzliche gesagt und beschlossen wurde, das auch in der Zukunft seine Geltung haben wird. 1
Demokratische ParteiLandesverband ThüringenGeneralsekretariat gez.: H. Büchsenschütz

Landesdirektor Moog eröffnete die Tagung mit herzlichen Worten der Begrüssung und gedachte zugleich all derer, die der Demokratischen Partei bis zum März 1933 die Treue bewahrt hatten, aber nun nicht mehr unter den Lebenden weilen. Zur ehrenden Erinnerung an jene, die jetzt schmerzlich vermisst werden, erhob sich die Versammlung von ihren Plätzen.
In seinem Rückblick auf die vergangenen 12 Jahre hob Landesdirektor Moog alsdann hervor, dass es doch nicht die schlechtesten Früchte gewesen sein müssen, an denen die Wespen unentwegt nagten. Die beste Reklame für die wahre Demokratie dürfte die Nazipartei selbst gemacht haben in dem sie eben die Demokratie wieder und wieder beschimpfte. Dieselben Leute aber, die noch in den letzten Tagen vor dem Zusammenbruch das Volk aufriefen, durchzuhalten, haben dann die Nation feige im Stich gelassen und das ganze Land in ein Chaos gestürzt wie es kaum zu schildern ist. Erfüllt hat Hitler lediglich e i n Versprechen, nämlich dass zehn Jahre seiner Führung genügen würden um Deutschland nicht mehr wiedererkennen zu können. Auch Goebbels hat wohl zum einzigsten Mal die Wahrheit gesagt, als er im September 1940 in seiner Wochenzeitschrift „Das Reich“ 2 schrieb: „Wenn wir gezwungen sind die Türen hinter uns zuzuschlagen, dann wird nur noch wenig vorhanden sein.“
Moog schloss mit dem Hinweis, dass noch niemals in der Geschichte ein grosses Volk eine derartige Erniedrigung erleben musste, wie wir sie heute erfahren. „An uns meine Demokratischen Freunde liegt es, die Hand anzulegen bei dem Aufbauwerk. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass es einer eisernen Energie und eiserner Nerven bedarf, um aus dieser Konkursmasse, die man uns hinterlassen hat, wieder etwas Brauchbares zu schaffen. Es sind alle demokratischen, antifaschistischen Kräfte notwendig, um den Wiederaufbau unseres Deutschen Vaterlandes in Angriff zu nehmen.“
Darauf wurde durch Dr. Wilhelm Becker-Weimar folgende Entschliessung eingebracht, die einstimmig angenommen wurde:
Die erste Landestagung der Demokratischen Partei Thüringens sieht es für eine Ehrenpflicht an, in der Stunde ihrer Neugründung all der zahlreichen Männer und Frauen in den Thüringer Landen zu gedenken, die über allen geistigen Druck, über alle wirtschaftliche Bedrohung und politische Verfolgung und Ächtung hinweg in den düstersten Jahren deutscher Kulturgeschichte ihrer demokratischen Grundgesinnung unentwegt treu geblieben sind und damit ein wertvolles Erbe in eine neue Zeit herübergerettet und die Möglichkeit und Grundlage zu einem sofortigen politischen Neubeginn geschaffen haben. Sie entbietet all diesen Hütern und Trägern einer grossen deutschen politischen Tradition in tiefer Dankbarkeit ehrerbietigste Grüsse.
Im Anschluss an die Bekanntmachung, dass diese Tagung bei der russischen Besatzungsbehörde angemeldet und von dieser genehmigt worden war, und an eine kurze Diskussion der Frage der Aufnahme von ehemaligen Mitgliedern der NSDAP, deren Klärung einer Absprache mit den Vertretern der 3 anderen Parteien vorbehalten bleiben soll, gab Landesdirektor Moog einen Rückblick auf die politischen Ereignisse seit dem Zusammenbruch.
Der Redner schilderte, wie schon vor Ostern 1945 einige Parteifreunde illegal 3 an der Arbeit waren, und dass es ihnen gelang, über Verbindungsmänner den letzten Nazioberbürgermeister von Weimar dahingehend zu beeinflussen, dass er sich entschloss, Weimar gegen die heranrückenden Amerikaner nicht zu verteidigen. Auf Vorschlag Moogs war es weiter am 23. April möglich gewesen, dem neuen Oberbürgermeister einen vierköpfigen, paritätisch besetzten politischen Beirat 4 zur Seite zu stellen. Am 9. Juni 5 wurde dann der Vorstand zur Ortsgruppe Weimar der Demokratischen Partei gebildet und am 12. Juni folgte der offizielle Beitritt zum Antifaschistischen Komitee mit dem Hinweis, dass naturgemäss auch erst von diesem Tage an die Demokratische Partei die unter ihrer Mitarbeit zustandekommenden Beschlüsse dieses Komitees sanktionierte. Nach dem Wechsel der Besatzungsmacht liess der Vorstand der Partei diese über den Stadtvorstand von Weimar und über den damaligen Regierungspräsidenten Dr. Brill registrieren. 6 Seit dieser Zeit liefen auch die Verhandlungen mit den 3 anderen Parteien über die Bildung des Antifaschistisch-Demokratischen Blocks. Landesdirektor Moog kam sodann auf die Geschichte der Bildung einer neuen Regierung in Thüringen zu sprechen. Auch diese Entwicklung geht bis in die ersten Maitage zurück, wo zunächst der Sozialdemokrat Dr. Brill mit der Wahrnehmung der Geschäfte, kurz darauf mit der Bildung eines vorläufigen Kabinetts betraut wurde, dem als eine beratende Körperschaft der sogenannte Thüringenausschuss, von allen 4 Parteien paritätisch besetzt, zur Seite stand. Nachdem am 9. Juni die Regierung Dr. Brill von der amerikanischen Militärregierung offiziell bestätigt worden war, 7 erfolgte am 16. Juli die Ernennung der seitherigen Regierung Dr. Paul (Demokratische Partei) mit den 3 Vizepräsidenten Busse, (KPD.), Dr. Appell (SPD.) und Dr. Kolter (Christlich-Demokratische Union). Gelegentlich der Schilderung der Regierungsarbeit kam der Redner auch darauf zu sprechen, dass nun bei der Reinigung des öffentlichen Lebens von Nazielementen oft an das Mitleid appelliert 8 werde. Er erinnerte aber unter lebhafter Zustimmung der Versammlung daran, dass man seinerzeit doch nicht ein einziges Mal von solchen Leuten [Mitleid] 9 gehört hätte, ob denn vor 12 Jahren nicht auch Mitleid angebracht gewesen wäre, allen denen gegenüber, die keine Verbrecher waren, die keine Unterschlagung begangen hatten, sondern die nur aufrecht und in allen Ehren ihren politischen Charakter zur Schau getragen hatten und die als Dank dafür aus ihren Ämtern geworfen wurden, in den Zuchthäusern und Konzentrationslagern, von ihren Familien getrennt schmachten mussten. Bei dem weiteren Bericht über die Regierungsarbeit gab Moog auch ein paar Einzelheiten über die Korruption 10 der Nazibonzen bekannt und verkündete demgegenüber den neuen Grundsatz der grössten Sparsamkeit auf der ganzen Linie und der Achtung vor dem Wert des Geldes. So hoffe er nun in seiner Eigenschaft als Leiter des Landesamtes für Finanzen den Etat Thüringens auf die Hälfte zusammenstreichen zu können.
Mit dem Appell, 11 den Männern, die jetzt die Regierungsgeschäfte führen, Vertrauen entgegenzubringen, schloss der Landesdirektor Moog, dem durch starken Beifall die Zustimmung aller Anwesenden bekundet wurde.
Als nächster Redner sprach Dr. Gärtner, Präsident der Landesbank Thüringen, über die programmatischen Forderungen der Partei, die den Tagungsteilnehmern vorlagen. 12 In umfassenden und an den Kern der Dinge herangehenden Ausführungen erläuterte der Redner die einzelnen Punkte des Programms, das auf Grund besonderer Umstände in kürzester Frist hatte fertiggestellt und vorgelegt werden müssen. Ausgehend von der Tatsache, dass es zwar manchmal verfrüht erscheine, Fragen mehr theoretischer Art in einer Zeit wie die unsrige zu behandeln, dass es aber doch fraglich ist, ob das Niveau der Gemeinsamkeit im Negativen der antifaschistischen 13 Front ausreicht, eine weltanschaulich-politische Grundlage für die Dauer zu geben, untersuchte der Redner dann das Bedürfnis der Allgemeinheit nach etwas Besonderem, 14 nach dieser politischen Festlegung, das 15 allein schon durch die Tatsache dieser zahlreich besuchten Tagung bewiesen wäre. Der Kommentar zu den einzelnen Programmpunkten, den Dr. Gärtner sodann oft unter 16 spontanem Beifall der Versammlung gab, war eine Untersuchung jener grundsätzlichen Auffassungen, die wir vom Staat, von der Gesellschaftsordnung und vom sozialen Zusammenleben haben. Diese Auffassungen, und das war bei der Vorlage des Programms auch dem Vertreter der russischen Administration gesagt worden, sind jedem Deutschen gleich welcher Herkunft, welchen Standes und welcher Konfession zugängig. Sie manifestieren sich in allen Regungen des öffentlichen Lebens, wie dies auch die Einteilung unseres 17 Programms zeigt: In der Innenpolitik, in der Wirtschafts- und Sozialpolitik, im 18 Erziehungswesen und in der Kultur sowie in der allgemeinen Politik. Wenn im deutschen Volk, so betonte Dr. Gärtner, ein Umdenkungsprozess, eine geistige Umstellung stattfindet, eine Abkehr vom Geist der Gewaltsamkeit auf allen Gebieten hin zu dem Geist einer wahrhaften Demokratie, einer toleranten Art der Behandlung aller politischen, kulturellen und geistigen Dinge, dann werde auch allen einleuchten, dass es nicht angeht, Meinungsverschiedenheiten politischer, geistiger, ästhetischer und kultureller Art nach Machtbegriffen zu entscheiden.
Nach einer Pause wurde sodann folgende von Dr. Wilhelm Becker-Weimar eingebrachte Entschliessung angenommen:
Die erste Landestagung der Demokratischen Partei Thüringens spricht den führenden Vertretern der Weimarer Ortsgruppe der Demokratischen Partei für die mannhafte, verantwortungsbewusste und erfolgreiche Art, mit der sie in den schwersten Stunden Thüringer Geschichte für die Interessen und Belange der Bevölkerung des Landes, der Landeshauptstadt und der Demokratischen Partei selbst eingetreten sind ihren Dank und ihre Anerkennung aus.
Im Laufe der unter starker Beteiligung der Delegierten aus allen Teilen des Landes stattfindenden Diskussion wurde einstimmig der Name „Demokratische Partei, Landesverband Thüringen“ festgelegt und folgender Vorstand gewählt:
1. Vorsitzender:Leonhard Moog – Weimar
Stellvertreter:Dr. Alphons Gärtner – Weimar
1. Schriftführer: [Hermann] 19 Becker – Erfurt
Stellvertreter:[Karl] Häser – Jena
Kassenwart:Carl Mulert – Weimar
Beisitzer:[Hans] Apel – Eisenach,[Hans] Lohse – Schmalkalden,[Karl] Mehnert - AltenburgDr. [Martin] Mulert – Gera,Dr. [Rudolf] Arnold – Nordhausen,Studienrat [Hermann] Müller – Sondershausen,Staatsrat [Ernst Hermann] Glöckner – Sonneberg,[Karl] Reissmann – Saalfeld.
Ferner wurden, ebenfalls einstimmig, noch zwei Entschliessungen angenommen:
1. Die Thüringische Demokratische Partei begrüßt die von der Christlich-Demokratischen Union gegebene Anregung, zwischen den beiden Parteien eine engere Zusammenarbeit in die Wege zu leiten. Sie beauftragt den Vorstand, in Verhandlungen mit der Christlich-Demokratischen Union einzutreten, um die gemeinsamen Ziele der beiden Parteien – unbeschadet ihrer besonderen Grundanschauungen und organisatorischen Selbständigkeit – nachdrücklich zu verfolgen. 20
2. Eine verantwortungslose faschistische Parteidiktatur hat Deutschland in eine furchtbare Notlage hineingeführt. Um gegen die drohende Verelendung anzukämpfen, bedarf es des angestrengten Zusammenwirkens aller aufbauwilligen Kräfte unseres Volkes. Für ein Volk, das seiner politischen Macht vollkommen entkleidet und in seiner eigenen Entschlusskraft gelähmt ist, gibt es nur eine Rettung: das Vertrauen der Welt wiederzugewinnen durch loyale Zusammenarbeit mit den Besatzungsmächten, im Innern aber allen auseinanderstrebenden und ausschliessenden Tendenzen entschlossen zu begegnen und alle Kräfte dem Gemeinwohl unterzuordnen.
Die Thüringische Demokratische Partei sieht 21 in dieser Aufgabe ihre vornehmste Bestimmung und ist – unbeschadet ihrer besonderen Grundanschauungen und ihrer organisatorischen Selbständigkeit – zu einer aufrichtigen Zusammenarbeit mit den übrigen demokratischen Parteien auf der Grundlage der vier Berliner Parteien bereit.
Der Beitrag wurde, vorbehaltlich einer späteren durch besondere Verhältnisse etwa notwendig werdenden Revision, auf monatlich 1 Mark festgesetzt, wovon 30 % dem Landesverband, 30 % der Bezirksgruppe, und 40 % der Ortsgruppe zufliessen sollen.
In seinen Schlussworten dankte Landesdirektor Moog noch einmal allen Anwesenden für das bewiesene Interesse und den unermüdlichen Eifer während dieser Sitzung. Der Stunden, die zur Neugeburt der Demokratischen Partei in Thüringen geführt haben, würden sich noch später alle Teilnehmer mit Freuden erinnern und dabei des Goethewortes gedenken:
„Nur der verdient sich Freiheit und das Leben,Der täglich sie erobern muss.“

Quelle: Archiv des Liberalismus der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit Gummersbach , LDPD-Landesverbände, L 5-637, Bl. 42r-44r (hektographiert).

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