10. Juli 1945
Schreiben des BdS/SPD-Landesvorsitzenden Hermann Brill an den KPD-Bezirksleiter Ernst Busse über Grundprinzipien der Zusammenarbeit und des Zusammenschlusses
AbschriftWeimar, den 10. Juli 45
An dieBezirksleitung Thüringen derKommunistischen Partei Deutschlands,Weimar
Werter Genosse Busse!
In Bestätigung meiner gestern 1 mündlich vorgetragenen Ausführungen teile ich Dir als Stellungnahme des Landesvorstandes und der Landeskonferenz der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands – Bund demokratischer Sozialisten – für Thüringen auf Eure Vorschläge über die Organisation einer politischen Zusammenarbeit folgendes mit:
1.) Wir halten es für die wichtigste Frage, daß alsbald konkret auf eine völlige Verschmelzung der sozialistischen Arbeiterbewegung hingearbeitet wird. Deshalb kommt es im Augenblick darauf an, daß alle Massnahmen, die im einzelnen getroffen werden sollen, auf dieses Ziel ausgerichtet sind. Das Bedürfnis nach einer Überwindung der parteipolitischen Spaltung der sozialistischen Arbeiterbewegung ist so tief und so elementar, daß nichts erfolgen darf, was dieses Gefühl in der Arbeiterklasse verletzen könnte. Wir werden deshalb bei dem Zentralausschuß der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, der sich außerhalb der Statuten der Partei 2 gebildet hat und den wir deshalb vorläufig nur bedingt anerkennen, anregen, daß alsbald ein Reichsparteitag, wenn das nicht möglich ist, eine Reichskonferenz einberufen wird, der in der Frage der Herstellung der sozialistischen Einheit der Arbeiterbewegung weitergehende Beschlüsse zu fassen hätte. Unter diesen Gesichtspunkten und Plänen scheinen uns Eure Vorschläge weder praktisch noch organisatorisch für ausreichend.
2.) Praktisch schlagen wir vor, daß durch eine Vereinbarung, deren Formulierung eine untergeordnete Frage ist, im Sinne unseres Buchenwalder Manifestes 3 gearbeitet wird. Die Hauptgedanken dieses Manifestes sind Vernichtung des Faschismus,Aufbau der Volksrepublik,Befreiung der Arbeit,Sozialisierung der Wirtschaft,Friede und Recht,Neue Humanität,Einheit des Sozialismus.Die von Euch vorgelegten Grundlagen nehmen wir zur Kenntnis und werden versuchen, unter Benutzung der Materialien, die das Buchenwalder Manifest bietet, eine Vereinheitlichung unserer in der Hauptsache ja wohl weitgehend übereinstimmenden Gedankengänge herbeizuführen.
3.) Die Einheit durch Aktionen muss durch die Einheit mit organisatorischen Mitteln ergänzt werden. Schon jetzt lassen sich vor der völligen Verschmelzung der Parteien eine Reihe von organisatorischen Maßnahmen durchführen, die einer Rationalisierung von Kräften und Finanzen entsprechen.
a) Wir schlagen vor, daß nicht nur in der Provinz, sondern auch in allen Stadt- und Landkreisen und Gemeinden Arbeitsgemeinschaftsräte von SPD und KPD organisiert werden, die in der Art von Fraktionsgemeinschaften alle politischen Fragen gemeinsam besprechen, gemeinsame Regelung herbeiführen und, sofern eine Übereinstimmung nicht erzielt werden kann, an die höhere Organisationsinstanz berichten; diese würde die Funktion haben, eine Vermittlung herbeizuführen.
b) Ausserdem schlagen wir zwei Gebiete vor, auf denen von vornherein organisatorisch einheitlich gearbeitet wird.
aa) Das erste Gebiet ist die Sportbewegung. Wir verlangen, daß nicht nur auf dem Gebiete der Sportbewegung seitens der SPD und KPD jede Fraktionsarbeit unterlassen wird, sondern auch die Betätigung innerhalb des Sports eine materielle Ausweitung auf alle Sportarten erfährt.
bb) Wir regen weiter an, daß die frühere Arbeiterwohlfahrt, 4 die frühere Internationale Arbeiterhilfe und Rote Hilfe 5 sofort zu einer einheitlichen Organisation zusammengelegt werden und dieser Organisation außer den bisherigen Aufgaben der Mitwirkung in der geschlossenen und freien Fürsorge auch die Arbeit der Rechtshilfe für alle durch den Nazismus Geschädigten übertragen werden soll. – Außerdem meinen wir, daß es zu einer ganz aktuellen Gegenwartsaufgabe gehört, das Deutsche Rote Kreuz durch die Zuführung der Kräfte, die in der früheren Arbeiter-Samariter-Kolonnen-Organisation tätig gewesen sind, restlos zu entmilitarisieren und das Rote Kreuz der fürsorgerischen Tätigkeit auf der internationalen Basis des Internationalen Roten Kreuzes zuzuführen.
c) Weiter verlangen wir einen offiziellen Verzicht auf jede Fraktionstätigkeit in der neuen Gewerkschaftsorganisation. Wir erklären uns ausdrücklich mit der Ausweitung der gewerkschaftlichen Tätigkeit auf das Gebiet der Kulturbildung einverstanden und wünschen aufs Dringendste, daß in der Gewerkschaftsarbeit die Kräfte unmittelbar aus den Betrieben gezogen werden sollen.
d) Auch auf dem Gebiete der freien weltanschaulichen Erziehung des deutschen Volkes wünschen wir dieselbe Zusammenarbeit. Gegenüber den Bestrebungen des Katholizismus und anderer kirchlich gebundener Kreise erscheint es uns außerordentlich notwendig, daß sowohl die rein naturwissenschaftliche Bildung und die Philosophie wie auch die betont atheistische oder frei religiöse Weltanschauung zu ihrem Recht kommen. Die intellektuellen Kräfte, die uns dafür zur Verfügung stehen, sind außerordentlich gering, äußerste Rationalisierung eine unbedingte Notwendigkeit. Die weltanschauliche Betätigung ist auch vom Standpunkt der aktuellen politischen Arbeit in Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtspflege irrelevant. Aus diesem Grunde muß auf dem Gebiete der Weltanschauung die größte Freiheit der Meinungen bestehen. Schon das ermöglicht, daß die politischen Parteien von sich aus auf jeden Einfluß auf das weltanschauliche Denken und Fühlen verzichten sollten.
e) Schließlich schlagen wir vor, daß auf dem Gebiete der Verwaltungspolitik sofort eine gemeinsame Organisation geschaffen werden soll. Früher ist nur die Kommunalpolitik von uns geleitet worden. Mit der Ausdehnung der Verwaltungstätigkeit auf die Provinz und auf Verwaltungszweige, die sich der Kommunalpolitik bisher entzogen, ist es notwendig, überall sozialdemokratische und kommunistische Genossen zur Stützung der Behördenarbeit zusammenzufassen. Nicht nur in den Gemeinden, sondern auch in den Behörden der Provinz sollen deshalb Arbeitsgemeinschaften organisiert werden, die sich zum Ziele stellen, die Verwaltungsarbeit in jeder nur erdenklichen Weise zu fördern. Das ist selbstverständlich nur dann möglich, wenn allein die Gesetze, Verordnungen, Verfügungen usw., die für die praktische Verwaltungsarbeit maßgebend sind, die Grundlage der gemeinschaftlichen Betätigung sozialistischer und kommunistischer Genossen bilden.
Wir glauben, daß es durchaus möglich ist, auch ohne die Zentralinstanzen schon jetzt in Thüringen praktisch in dieser Beziehung zu handeln. Solltet Ihr das aber bei der zentralisierten Organisation der KPD nicht machen können, so sind wir auch damit einverstanden, daß unsere Vorschläge über die organisatorischen Mittel zur Herbeiführung der Partei-Einheit durch einen gemeinsamen gleichlautenden Bericht von uns aus an das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Deutschlands und den Zentralausschuß der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands in Berlin vorgelegt werden und von dort aus eine zentrale Regelung erfolgt. 6
Mit sozialistischem Gruß!gez. Dr. Hermann Brill

Quelle: Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR, Zentrales Parteiarchiv [der SED], DY 28, II/3/8/5, Bl. 1r-4r (ms. Abschrift); in Abschrift auch überliefert in: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Bezirksparteiarchiv der SED Erfurt , V/6/6-018, Bl. 90v-92v (im hektographierten Rundschreiben Nr. 3 des Landesvorstandes des BdS/ SPD v. Juli 1945); in dieser Abschrift abgedr. bei Malycha: Auf dem Weg (1995/D), S. 93-95.

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