o. D.
Aus Hermann Brills Richtlinien des Bundes demokratischer Sozialisten über „autoritäre Demokratie
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Neuer Beginn von oben her!
Umkehrung der Verhältnisse von 1890 - 1914.
Damals : Kampf um die soziale Gleichberechtigung und die Mitwirkung im Staat von unter her mit dem Zweck der vorbereitenden Schulung für die Erreichung des Zieles: die Eroberung des Staates als des Machtmittels zur Überwindung des kapitalistischen Ausbeuter-Systems. Heute : Führung zur Übernahme der verwaltungsmäßigen Funktionen in Staat und Wirtschaft vorhanden. Sie hat aber a.) keinen ausreichenden Resonanzboden in den breiten Massen undb.) ist sie nicht frei in ihren Entschlüssen und Maßnahmen, sondern vollkommen abhängig von der Besatzungsarmee. Während früher die Masse sich ihre Führer erwählte und diese sich in der Organisation für die späteren Aufgaben schulte, müssen jetzt die Führer erst ihre Gefolgschaft suchen, sie organisieren und ihr eine einheitliche Meinungs- und Willensbildung anerziehen. Es kann daher zur Zeit noch in naher Zukunft weder von einer demokratischen Organisationsform noch von einer Demokratie im öffentlichen oder staatlichen Leben die Rede sein. Wir werden vielmehr zu einem System kommen müssen, das eine Synthese von Autokratie und Demokratie darstellt: die autoritäre Demokratie!
IV. Die autoritäre Demokratie
ist im Anfangsstadium ihrer Entwicklung begriffen, so daß man im Augenblick nur soviel über sie sagen kann, daß aus einem bestimmten Kreis aufbauwilliger antifaschistischer Kräfte, der sich durch gemeinsames Schicksal und gemeinsamen Willen zusammengefunden hat, einer oder mehrere Kameraden gewählt werden, denen bestimmte Aufträge von diesem Kreis erteilt werden. Bei der Durchführung und in Erfüllung dieses Auftrages sind diese Beauftragten lediglich vom Vertrauen dieses verhältnismäßig kleinen Kreises getragen. Es ist aber ein Gebot der Kameradschaft, daß dieses Vertrauen 1.) nicht mißbraucht werden darf, andererseits 2.) aber nicht schon nach kurzer Zeit wieder zurückgezogen werden darf, (es sei denn, daß hierfür ganz besonders schwerwiegende Gründe persönlicher Art vorliegen.) Die Verantwortung für alles, was der Beauftragte unternimmt und tut ist eine Kollektiv-Verantwortung , d.h. sie wird vom Gewählten und von seinen Wählern gemeinsam getragen. Gerade die gegenwärtig schweren Aufgaben, deren Überwindung nur in vielen Jahren möglich sein wird, verlangen, daß dem Beauftragten eine längere, mehrere Jahre dauernde Frist gewährt wird.
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Quelle: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Bezirksparteiarchiv der SED Erfurt, V/6/6-016, n. fol., hier S. 3f. (hektographiert); auch überliefert in: Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR, Zentrales Parteiarchiv [der SED], DY 30, IV/2/5, Nr. 4973, Bl. 2r-5r.