11. Juni 1945
c) Arbeits-Aufruf
An die Bevölkerung!
Vor einigen Wochen habe ich mit den Brabag-Werken einen Abschluß über große Betriebsstoffmengen getätigt. Das Lieferwerk ist so weit wieder hergestellt, daß ab heute mit dem laufenden Eingang von Benzin und Diesel-Treibstoff gerechnet werden kann. Öl ist anderweit sichergestellt. Dadurch bin ich in der Lage, die Wirtschaft weitgehendst zu unterstützen und wichtige Ernährungsgüter, wie Kartoffeln, aus entfernten Überschußgebieten heranholen zu lassen.
Durch die Freigabe des örtlichen Telefonverkehrs für die Behörden, Wirtschaft, Ärzte, Apotheken, Krankenhäuser, Hebammen und durch die Inbetriebnahme der Gasanstalt sind weitere Schritte auf dem Wege zum Normalverkehr getan.
Die täglich an mich herantretenden Fragen der Wirtschaft, Ernährung und des Verkehrs sind derart zahlreich, und in ihrer Entscheidung weittragend, daß ich die Bevölkerung dringendst bitten muß, mich mit allen sonstigen, die Allgemeinheit nicht ganz besonders stark berührenden Fragen zu verschonen. So sehr ich es verstehe, daß der Einzelne seinen Fall auch im Rahmen der Allgemeinheit für wichtig hält, kann ich derartigen Einzeldingen im Augenblick nicht nachgehen. Sie können zudem an der jeweils zuständigen Stelle der Stadtverwaltung zum Vortrag gebracht werden.
Im übrigen wird noch immer viel zu viel geredet und zu wenig zielbewußt gearbeitet. In den 12 Jahren des Nazi-Regimes diente jeder Handgriff der Zerstörung oder bereitete diese vor, den Krieg. Jedes Denken, jeder Schritt, jeder Handgriff zur Beseitigung der Mißstände bedeutet ein Aufwärts. Darum arbeitet!
Gera, den 11. Juni 1945
Der Oberbürgermeister
Dr. Paul

Quelle: Stadtarchiv Gera, AVbG, Nr. 2, 13.6.1945, S. 5.