18. Mai 1945
Eröffnungsrede Rudolf Pauls

1. Stadtratssitzung im Rathaussaal zu Geranach dem schmachvollen Zusammenbruch der Nazi-Regierung. Rede des Herrn Oberbürgermeister Dr. Rudolf Paul 1 am 18. Mai 1945.

Meine sehr verehrten Gäste, Männer und Frauen des Stadtrates zu Gera!Als ich vor 12 Jahren diese Stadt verlassen mußte, hatte ich nicht die Absicht, je wieder für längere Zeit nach Gera zurückzukehren, denn zu viel von meinem Leben, zu viel von dem Leben von Menschen, die mir nahe standen, ist in dieser Stadt zerstört worden. Wenn ich diese meine Absicht aufgegeben habe, so ist es geschehen, weil aus allen Teilen der Bevölkerung an mich der Ruf erging, mich der Stadt in ihrer Not nicht zu versagen. Allein die Not meiner Vaterstadt ist es, die mich veranlaßt, in einem Zeitpunkt, in dem ich an anderer Stelle Verwendung finden sollte, nach Gera zu kommen und hier meine ganze Kraft einzusetzen.
Vor 12 Jahren war Gera noch eine blühende Stadt mit Handel und Wandel, gesundem Transportwesen, mit Menschen, die fröhlich waren. Gewiß lag auf Gera, wie auf jeder Stadt in Deutschland, ja wie auf jeder Stadt in der Welt, eine Arbeitslosigkeit, eine Zeiterscheinung der damaligen gesamten Welt. Ganze 12 Jahre bestand das „Tausendjährige Reich“. Ich komme wieder, und ich finde eine Stadt, die in ihrem Innern, in ihrem Kern, in ihrem Herzen zerstört und zerschlagen ist. Ich finde eine Stadt, wo es Mühe hat, Züge hinauszubekommen und Züge hereinzuleiten, eine Stadt, in der Tausende und aber Tausende ohne Wohnung sind. Ich sehe in den Straßen fremde Truppen und ich sehe überall innere und äußere Not. Es ist das eingetreten, was ich seit 1923, sprich 10 Jahre vor dem Antritt der Nazi-Regierung, gesehen und gefürchtet habe. Im Jahre 1923 und folgende hatte ich das dornenvolle Amt eines politischen Staatsanwaltes für Thüringen. In dieser Eigenschaft fand ich bei einer Haussuchung eines besonders nahen Anhängers von Hitler ein Material, das der Öffentlichkeit nicht bekannt wurde, das aber klipp und klar einen Aufschluß darüber gab, wie die Partei organisiert war, wie sie noch organisiert werden sollte und welches die hochverräterischen Ziele dieser Partei waren. Ich hatte damals Verhandlungen mit der Reichsregierung und mit dem Oberreichsanwalt. 2 Ich habe sie besonders auf die ungeheuerliche Gefahr hingewiesen, die es bedeuten würde, wenn in dieses Deutschland, das anfing, sich nach der Inflation langsam wieder zu erholen, wenn in dieses Deutschland, das durch zahllose Parteien zerrissen war, wenn da hinein unter anderem auch die so viel geliebte Fackel des Antisemitismus geworfen wurde.
Länder wie Thüringen, Sachsen und andere standen hinter mir und verlangten, daß ich damals in die Reichsanwaltschaft berufen und das Amt des politischen Reichsanwaltes übernehmen sollte. Der Herr Oberreichsanwalt meinte aber, sich von seinem damaligen Mitarbeiter nicht trennen zu können. Es ist mir nicht um das Amt und nicht um den Titel gegangen, meine Damen und Herren, es ging mir damals darum, Deutschland vor einer Katastrophe zu bewahren, die leider heute in sichtbarster und krassester Form eingetreten ist. – Wer war dieser Reichsanwalt, von dem der Herr Oberreichsanwalt sich nicht trennen wollte? Es war ein Mann, dem einer der bedeutendsten Strafverteidiger Deutschlands in öffentlicher Verhandlung ins Gesicht rufen konnte: „Herr Reichsanwalt, Sie tragen einen roten Talar! Rot ist die Farbe des Blutes. An Ihren Händen klebt das Blut unschuldig Ermordeter, das der ermordeten Rosa Luxemburg.“ Der Herr Reichsanwalt mit seiner großen Macht in der Hand hat nichts gegen diesen Strafverteidiger unternommen, der weit über den Rahmen des § 193 StGB. hinausschoß. Er hatte nämlich den Wahrheitsbeweis geführt. – Ich selbst war einmal in der Lage, Hitler festzusetzen und ihn als lästigen Ausländer abzuschieben. Ich brauchte dazu einen Strafantrag des Reichstags. Was schrieb mir der Reichstagspräsident zurück? „Ich danke Ihnen sehr geehrter Herr Staatsanwaltschaftsrat, daß Sie das Interesse hatten, das Ansehen des Reichstages zu schützen, jedoch der Dreck kommt nicht bis an meine Sohlen.“
Nun, meine Damen und Herren, ich habe damals kurz und klar die Konsequenz gezogen. Ich sah vor mir einen Staat, der nicht geschützt sein wollte, der durch Amnestien über Amnestien sich selber sein Grab schaufelte, und ich ging in den freien Beruf. Ich wurde Rechtsanwalt, allen Schichten der Bevölkerung war ich bekannt und hatte die größte Praxis Thüringens. Arme und Unterdrückte fanden stets ein williges Ohr. Ich habe es als bitteren Hohn empfunden, als nach der Machtergreifung der Nazis es eine der ersten Amtshandlungen des ersten Richters dieses Bezirkes war, mir die Vertretung von Armen zu entziehen.
Es ist leicht und billig, als politischer Gegner über politische Fehler einer verflossenen Regierung zu urteilen. Ich würde es ablehnen, eine solche Kritik zu üben, wenn es sich um Politik handeln würde. Was vor uns liegt, meine Damen und Herren, hat nichts mit Politik zu tun. Das waren keine politischen Handlungen! Das waren Verbrechen! Die Skala der Verbrechen des Deutschen Reichsstrafgesetzbuches springt mir ins Gesicht: Brand, Meineid und Mord sind die Ouvertüre des Dritten Reiches! Der Reichstag geht in Flammen auf. Hermann Göring bemeineidet, nichts von seinen Brandstiftern zu wissen und einige Monate später werden alle die Mitglieder der eigenen Nazi-Partei kalt wegserviert, die zu viel von dem Reichstagsbrand wußten.
Terror, Judenverfolgung, Synagogenbrand sind die weiteren Meilensteine auf dem Wege zum Abgrund. Und nachdem im Innern das deutsche Volk unterjocht ist, da kommt das Bedürfnis nach Expansion, der Machthunger wächst! So erleben wir, wie Österreich, wie das Sudetenland und kurz darauf die von Hitler in ihren Grenzen feierlich gewährleistete Tschechei unter Bruch des tiefsten Friedens besetzt werden. Wir erleben die Wegnahme des Memel-Landes und jeder erkennt deutlich, wohin der Weg führt. Man muß noch ausprobieren, ob die technischen Waffen der Wehrmacht für einen modernen Krieg geeignet sind, und so kämpfen deutsche Truppen in Spanien entgegen der feierlichen Versicherung Hitlers, daß keine deutschen Soldaten dort unten seien. Dieselben deutschen Soldaten, die der Lügner wenige Wochen später im Parademarsch als „Legion Condor“ auf der Via Triumphalis in Berlin an sich vorbeiziehen ließ.
Die fünfte Kolonne der Nazis beginnt zu arbeiten, und der Staat, der bis dahin als Hitlers Freundschafts-Staat gepriesen war – Polen! – erfährt das Gegenteil. Wer hat es in Deutschland nicht erlebt, wie die Nazis Polen in den Himmel gehoben haben, wie die polnischen Juden geschützt waren, während man die deutschen zusammenknüppelte? In diesem selben polnischen Staat inszenierte die fünfte Kolonne der Nazis die Greueltaten. Die Propagandamaschine Goebbels begann zu klappern. Die Volksseele wurde zum Sieden gebracht, und die deutsche Jugend marschierte auf die Schlachtfelder!
Die Welt um uns war nicht aufgerüstet, und so gelang es Hitler, im ersten Zug alles zu überrennen. Wir erlebten die Überschlagung eines Größenwahnsinns!
Feierlich hatte Hitler versprochen, niemals würde Dänemark, niemals Norwegen, niemals Holland, niemals Belgien durch deutsche Wehrmacht betreten. Wie Diebe in der Nacht sind wir nach Kopenhagen, nach Oslo, nach Narwik gekommen. Wir haben die Nachbarstaaten überrannt, und Deutschland raste in hellem Siegestaumel. Wer nur etwas die Welt kannte, wußte, wie das Ganze einmal enden würde. Ich hatte in der hohen Diplomatie des Auslandes persönliche Bekannte, und ich habe damals Gelegenheit gehabt, mit Diplomaten der ägyptischen, der griechischen und der amerikanischen Gesandtschaft zu sprechen, und von allen bekam ich auf meine Frage, wie sie die Situation, die weiteren Chancen Deutschlands nach dem Sieg in Frankreich einschätzten, als Antwort: „Zero“ – sprich Null.
Hinter dem Marschtritt unserer Regimenter kam etwas anderes. Dem Marschtritt folgte das, was das Ansehen des deutschen Volkes für Jahrhunderte, vielleicht für unvorstellbar lange Zeit geschändet und zutiefst in den Schlamm getreten hat. Den Regimentern folgte die Gestapo, mit ihr kamen die Mörder in Uniform, die SS.
Sie alle wissen, daß Hitler beliebte, eine Kopie Napoleon I. zu spielen. Bekanntlich war jedes zweite Wort bei Napoleon I. „Vorsehung“. Es ist von seinem Kopisten gehorsam nachgeäfft worden. Und wie Napoleon am 22. Juni 1812 den Marsch auf Moskau begann, so begann haarscharf an diesem Tage Hitler die Grenzen Rußlands zu überschreiten. Napoleon sollte für alle Zeit in den Schatten gestellt werden. So begann just auf die Minute der Einmarsch unserer Truppen im Osten.
Was im Osten, was in allen Gebieten geschah, in denen wir waren, ob die Städte Auschwitz heißen, Berditschew, Kiew, oder ob es die Golgathastätten des 20. Jahrhunderts innerhalb Deutschlands waren: Buchenwald, Dachau, Bresen, Finsterwalde und wie sie alle heißen mögen, alle diese Stätten haben eins gemeinsam: Sie haben uns in den Augen der Welt als Kulturnation ausgelöscht.
Ich habe noch den widerlichen Haßschrei Hitlers im Ohr: „Ich werde ihre Städte ausradieren!“ Meine Damen und Herren, sehen Sie um sich, betrachten Sie unsere Vaterstadt, betrachten Sie aber noch viel mehr das, was einst der Stolz jedes Deutschen war, unsere herrlichen Industriebezirke an der Ruhr, betrachten Sie die großartigen Leuna-Anlagen und andere. Was ist aus ihnen geworden?!
Der Reichsmarschall des deutschen Volkes, der sich Meier heißen lassen wollte, wenn ein feindlicher Flieger je die Ruhr überfliegen würde, hat sich nicht gescheut, sich nach der Gefangennahme in großer Uniform mit allem Blechklingklangruhm noch einmal fotografieren zu lassen. Aber die deutsche Heimat zu schützen gegen die Übermacht einer feindlichen Luftwaffe, das waren diese Leute außerstande.
Sie alle wissen, wie oft der Mann, dessen Name in die Weltgeschichte eingehen wird als eines der größten Mörder, wie oft jener Heinrich Himmler gesagt hat: „Der 9. November 1918 kommt nicht wieder!“ Gewiß, er ist nicht wiedergekehrt. Am 9. November 1918 wurde im Wald von Compiègne, in der Nähe von Paris, ein Waffenstillstand geschlossen. 3 Die deutschen Truppen
standen samt und sonders noch im Feindesland, und die deutschen Truppen marschierten, gewiß zum Teil angeschlagen, aber sie marschierten in Formationen in die Heimat zurück, in die Heimat, die sie mit ihrem Blut vor Feindeseinfall bewahrt hatten.
Der 7. Mai 1945 aber wird für immer eines der schwärzesten Blätter deutscher Geschichte sein, denn am 7. Mai 1945 kapitulierten klägliche Restbestände einer deutschen Wehrmacht bedingungslos vor einem siegreichen Feind. Ein Feind, der mitten in Deutschland stand, und dessen Einfall nicht hatte verhindert werden können, und wobei im Rückzug noch die eigene Erde von deutschen Soldaten in sinnlosester Weise zerstört worden ist. „Brennende Erde“ war die letzte, ohnmächtige und zugleich skrupellose Parole der Nazis. Wer ist unter uns, der aus diesen 12 Jahren nicht mit schwerem und schwerstem Leid herausgegangen ist, mit Verlust von ihm lieben Menschen, mit Verlust an Haus und Hof?! Sie alle kennen zumindest dem Namen nach das Buch „Volk ohne Raum“. Wenn man heute die Straßen unseres Vaterlandes sieht, da ist man versucht zu sagen „Volk ohne Heim“! – „Volk auf der Straße“!
Als ich zum ersten Male jene Sklaven-Parole „Führer befiehl, wir folgen Dir“! las, stand ich in den Gängen der Universität Jena, derselben Universität, an der ein Fichte gelehrt, ein Schiller gewesen war, der Universität, aus deren Reihen heraus die Deutsche Burschenschaft entstanden war, der Universität, aus der man in die Freiheitskriege mit größter Begeisterung zog, und dieselbe Universität, sie hatte diese unwürdige Sklaven-Parole als Eingangsspruch in der Nähe des Portals. Was auch geschah, die Ehrlichkeit verlangt es, wir müssen es eingestehen, daß zu 80, vielleicht zu 90 % unser Volk mit schuld daran ist, daß das eingetreten ist, was wir heute als furchtbarste Quittung vor uns liegen sehen. Erinnern Sie sich der Rufe nach dem sogenannten „starken Mann“, erinnern Sie sich dieser häßlichen Schlagworte von der „verfluchten System-Zeit“, denken Sie an die Verhöhnung der Fahne „Schwarz-Rot-Senf!“
Meine Damen und Herren! Ich habe anläßlich der 10-Jahres-Feier der Deutschen Republik an dieser Stelle, an diesem Pult, in diesem Saal zur Einwohnerschaft und den Vorständen der Behörden gesprochen. Ich habe im selben Sinne gesprochen wie heute. Ich habe gewarnt vor einer furchtbaren Gefahr, einer Gefahr, die alle nicht sahen oder nicht sehen wollten. Mein Ankämpfen gegen diese Gefahr brachte mir den Beinamen des „roten Staatsanwaltes“ oder des „roten Rechtsanwaltes“ ein.
Die Welt hat unter das, was die Nazi-Regierung verbrochen hat, einen Strich gemacht. Ein weiteres Zurückblicken auf die letzten 12 Jahre – es wird bestimmt in unserem Leben noch oft notwendig sein – hat in dieser Stunde keinen Sinn. Wir wollen, wir müssen vorwärts! Wir müssen wieder nach oben! Und hierzu will ich zu Ihnen sprechen.
Ich habe mir nicht die Mühe genommen, und ich muß sagen, ich habe auch noch nicht die Zeit gehabt, darüber nachzugrasen, was an Mißwirtschaft in dieser Stadt durch die Nazis angerichtet worden ist. Nur einige ganz kleine Streiflichter, die mir beim Lesen der Akten zufällig zu Gesicht kamen, will ich kurz erwähnen. Ich lese da, daß ein Kreisleiter zur besonderen Verwendung Dr. Läsker 4 ein Jahreseinkommen von 79 700 RM. aus dem Städt. Krankenhaus gehabt hat, und ich lese, daß derselbe Kreisleiter zur besonderen Verwendung, der bestimmt vor 1933 sehr oft davon gesprochen hat, daß keiner in Nazi-Deutschland mehr als 1000 RM. im Monat verdienen darf, mit seinen rund 80 000 RM. Einkommen im Jahr an „Werbungskosten“, sprich für die Fahrt vom Krankenhaus nach der Zabelstraße und zurück, im Jahr 35 000 RM. angesetzt und von den Steuern abgezogen hat. Sein Kollege Franke, 5 der hatte nicht ganz so weit zu fahren, er fuhr nur bis zum Johannisplatz, hat es immerhin noch auf die beachtliche Summe von 15 663 RM. „Werbungskosten“ gebracht. Vielleicht interessiert es auch, daß der Oberbürgermeister Zinn, 6 in der Zeit, in der er Soldat war, sich nicht daran gestoßen hat, nach wie vor seine Dienstaufwandsentschädigung in Höhe von 3000 RM. jährlich weiter zu beziehen.
Man hat ein Rittergut Roschütz gekauft für 183 000 RM., und man hat in dieses Rittergut hinein eine Schweinemästerei gebaut für 211 000 RM. Meine Damen und Herren, ich habe es ganz grob überschlagen, es mögen 70-80 Mark sein, welche die Stadt Gera je Schwein zugesetzt hat.
Ein Glück ist uns beschieden gewesen: Der Ideenwettbewerb für Großbauten in Gera ist nicht zur Wirklichkeit geworden! Ich habe gestern das Gipsmodell der Bauten gesehen, die für Gera geplant waren. Gebäude, wie die Johanniskirche, das neue Finanzamt und alle anderen in dieser Gegend sollten wegradiert werden. Ein neuer, großer Adolf-Hitler-Platz mit Parteibauten sollte entstehen. ..zig und aber ..zig Millionen Mark hätten die Kosten dafür betragen. Vor solchen Irrsinnsbauten hat der Ausgang dieses Krieges die Stadt Gera und ihre Steuerzahler bewahrt.
Nun zu konkreteren Sachen, die nichts mehr mit diesen Nazi-Herrschaften zu tun haben. In meiner Eigenschaft als Oberbürgermeister ist mir von der Militärregierung die Vertretung sämtlicher Reichsbehörden gegenüber der Militärverwaltung anvertraut worden. Ich will nicht davon sprechen, welche ungeheuere Arbeitslast mir dadurch erwächst, nur eines möchte ich erwähnen, auf Grund dieser zentralen Stellung laufen bei mir alle Fäden zusammen, so daß ich einen Rundblick geben kann, um Sie über die Verhältnisse in Gera und Umgebung zu unterrichten. Als ich die Geschäfte übernahm, sprang mir bezüglich der Ernährung sofort ein erschreckender Posten ins Gesicht. Es fehlten, um den Anschluß an die Ernte zu bekommen, 26 700 Zentner Kartoffeln. Ich sage nicht zu viel, wenn ich Ihnen die Erklärung abgebe, daß ich aufs tiefste erschrocken war, weil ich die Gefahr des Fehlens einer solchen Menge erkannte, und daß ich – ich möchte fast sagen –, darüber den Schlaf verlor. Es ist nichts unversucht geblieben, und ich glaube, Ihnen heute mit Gewißheit sagen zu können, daß der größte Teil der fehlenden Kartoffeln sichergestellt ist und nach Gera kommen wird.
Brot, Fleisch, Fett, Mehl und Milch sind, wenn nicht ungewöhnliche und unvorhersehbare Umstände eintreten, für die Ernährung hinreichend vorhanden und gesichert.
Die Nährmittel, welche knapp waren, will ich vermehren, um dadurch der Bevölkerung mehr zuführen zu können. Ich habe große Mengen Hafer sichergestellt, die als Haferflocken oder Hafermehl an die Bevölkerung verteilt werden, je nachdem, welche Maschinen mir zur Verfügung stehen. Denn, meine Damen und Herren, es ist nicht allein damit getan, daß man die Sachen schafft, sondern es fehlt an den notwendigsten Maschinen zur Bearbeitung, beispielsweise an Schälmaschinen für den Hafer.
Das Gemüse war knapp. Ich habe die Schulkinder organisiert. Sie sind auf das Land gegangen, und es sind Morgen um Morgen an Spinat gepflückt worden. Die Stadt wird in nächster Zeit größere Mengen Gemüse verfügbar haben als bisher.
Alles in allem, meine Damen und Herren, der Hunger, das fürchterliche Gespenst, bleibt – wenn nicht ungewöhnliche Ereignisse eintreten – unserer Stadt fern.
Die großen und größten Schwierigkeiten liegen im Transportwesen. Die Eisenbahnen sind zerstört. Die Strecken nach Hof und Eger, Plagwitz, Gößnitz, sind zum Teil wieder frei, wichtig vor allem die Strecke nach Meuselwitz. Andere Strecken werden – selbstverständlich zunächst nur in beschränktem Maße – nach und nach eröffnet. Die Zerstörung unseres Transportwesens macht sich vor allem fühlbar bei der Kohle. Der Gesamtjahresbedarf der Stadt Gera an Hausbrand, Industrie und lokale Reichsbahn beträgt 350 000 Tonnen, d. h. es müssen pro Tag 1000 Tonnen, gleich 20000 Zentner, nach Gera angeliefert werden. Ich hoffe zuversichtlich, meine Damen und Herren, daß ich, wenn ich das nächste Mal zu Ihnen spreche, Ihnen sagen kann, es rollen die dringend benötigten Mengen ein. Nichts bleibt jedenfalls in dieser Beziehung unversucht, und gerade hier habe ich die Zusicherung seitens der Militärregierung, daß sie dafür sorgen wird, daß die notwendige Kohle herankommt. Die Mengen, welche bis jetzt notwendig waren, haben wir erhalten. Die Industrie hat keinen ausgesprochenen Mangel gehabt, und ich hoffe, daß ich den Hausbrandbedarf demnächst mehr befriedigen kann. Das Gas wird für Untermhaus frei und wird etwa in 14 Tagen auch für die übrige Stadt zur Verfügung sein. Zunächst gibt es Gas für die Mahlzeiten, also 7-8 Uhr, 11-1 Uhr und 19-20 Uhr.
Das Wasserleitungsnetz ist so gut wie restlos in Ordnung.
An Benzin sind die Vorräte gering. Es ist viel von dem gestohlen worden, was in der Nähe Geras gelagert war. Es sind viele Autos unnötigerweise gefahren. Ich habe die meisten Fälle abgestellt und eine entsprechende Kontrolle eingeführt. Ich habe erfahren, daß die Brabag 7 in der nächsten Zeit wieder arbeiten soll, und daß die Möglichkeit besteht, von dort wieder das Benzin zu bekommen, das Industrie, Wirtschaft und Handel dringendst benötigen. Sie können versichert sein, daß ich alles tun werde, um für diese Zwecke Benzin bereitzustellen.
Eine große Schwierigkeit liegt im Fuhrpark der Stadt. Dieser verfügte vor dem Luftangriff über 52 Lastwagen, davon sind heute noch 12 da. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß diese Menge ungenügend ist. Ich habe durch Verhandlung mit der Militärregierung erreicht, daß mir Wehrmachtskraftwagen zur Verfügung gestellt werden. Schutt und Asche müssen zur Abfuhr kommen. Hierfür wird es nicht immer möglich sein, so viele Personen einzustellen, als zum Heranschleppen der Asche an den Wagen nötig sind. Von der Einwohnerschaft erwarte ich die dringend gebotene Einsicht, hierbei mit allen Kräften mitarbeiten zu müssen. Denn Sie wissen, meine Damen und Herren, übermäßig angehäufte Asche bildet einen gefährlichen Seuchenherd, und die Einwohnerschaft muß alles tun, um die Asche heranzuschaffen, wenn die Wagen vor den Häusern vorfahren.
Die Luftschutzteiche, eine drohende Gefahr, weil sich in ihnen zu viel Unrat angesammelt hatte, werden abgelassen; sie sind es zum Teil schon.
Stockend ist zurzeit noch die Fäkal-Abfuhr. Ich lasse nichts unversucht, auch diesen Mangel abzustellen, und wenn irgend möglich, Wagen hierfür zu erhalten.
Die Post: In den nächsten Tagen werden für die Behörden, die ich der Militärregierung aufgegeben habe, die Telefonverbindungen zugelassen. Wann der allgemeine Telefonverkehr wieder eröffnet wird, steht noch dahin; ich hoffe, daß es nicht mehr allzu lange dauert. Der Post muß ich das Zeugnis ausstellen, daß sie sich in hervorragendster Weise selbst geholfen hat; sie hat die Schäden, die sie gehabt hat, alle selbst repariert und bei ihr ist eins erfreulich, der Fuhrpark ist vollständig in Ordnung.Die Gebäude-Reparaturen. Die Stadt Gera marschiert gegenüber allen Städten Thüringens an der Spitze. Alle übrigen Städte haben jeglichen Kriegsschadenersatz eingestellt. Wir haben es selbstverständlich auch einschränken müssen, aber wir zahlen noch in den Fällen, wo es dringendst erforderlich ist. Im Theater sind die wesentlichen Schäden behoben. Wann es wieder eröffnet werden kann, steht noch dahin. Sie wissen, es besteht zurzeit ein Verbot, Versammlungen irgend welcher Art abzuhalten. Sobald dieses Verbot aufgehoben ist, werde ich mit den Künstlern verhandeln. Eine Unterstützung seitens der Stadt kann zurzeit nicht in Frage kommen. Das Personal muß sich selbst helfen, ich werde ihm dabei zur Seite stehen.
Die Polizei: Die Polizei hat in Zeiten wie den heutigen einen besonders schwierigen Stand. Sie wissen selbst, sie darf keine Waffen führen; sie sieht sich Situationen gegenüber, in denen sie wehrlos ist. Die Plünderungen, die bisher eine Gefahr waren und die größte Beunruhigung in die Bevölkerung hineingetragen haben, sind außerordentlich zurückgegangen. Wir haben seit einiger Zeit eine stehende amerikanische Truppe hier. Bis dahin waren es Frontformationen, die andere Aufgaben hatten als sich für das Leben der Stadt zu interessieren. Ich erstrebe die Eröffnung der öffentlichen Fernsprechstellen zu Schutzanrufen bei Plünderungen. Treten Sie, meine Damen und Herren, allen übertriebenen Gerüchten über Plünderungen entgegen. Ich selbst habe wiederholt erlebt, wenn Menschen maßlos aufgeregt zu mir in das Rathaus kamen, mit der Meldung, bei ihnen sei in Unmaßen geplündert worden, so schrumpfte bei näherer Untersuchung der Fall in ein Nichts zusammen.
Mit einem Abtransport der ausländischen Arbeiter ist in der nächsten Zeit zu rechnen. Sie werden selbst gesehen haben, daß schon Abtransporte vor sich gehen.
Die Kriminalpolizei habe ich auf Aasgeier angesetzt. Meine Damen und Herren, mir ist zu Ohren gekommen, daß es deutsche Volksgenossen gibt, die den Grundsatz vertreten, daß man in einem Staat, der am Zusammenbrechen ist, mehr Geld verdienen kann, als in einem solchem, der sich im Aufbau befindet. Ich bin gewillt, mit diesen Herren, die da glauben, noch die letzten gesunden Stücke aus dem deutschen Volkskörper herausreißen zu können, eine klare Sprache zu reden! Unsere Strafgerichte in Gera stehen vor der Eröffnung. Für die Aburteilung solcher Verbrecher wird gesorgt. Die baldige Wiedereröffnung der Vormundschaft- und Nachlaßgerichte strebe ich an.
Der Geldverkehr: Sie werden alle eines feststellen: Knappheit des Bargeldes. Warum? Weil es törichte, und ich muß sagen, übertörichte und in ihrer Torheit förmlich gefährliche Menschen gibt, die unnötig Geld zu Hause aufspeichern, in der dummen und falschen Ansicht, daß sie dadurch sicherer gehen könnten, als wenn sie das Geld bei der Bank zur Ablieferung bringen. Nur so ist es erklärlich, daß im Verkehr augenblicklich ein Schwund an Bargeld eingetreten ist. Es ist an Ihnen, diesem Unverstand entgegenzutreten. Es ist mit einer Inflation nicht zu rechnen. Sie alle wissen, daß die Inflation der Jahre 1921 ff. eine künstliche Mache unserer sogenannten Wirtschaftsführer war: Stinnes und Konsorten. Durch die vorhandenen Transportschwierigkeiten, beispielsweise kann die Reichsbank nicht nach Berlin fahren, um dort liegendes Geld abzuholen und sie ist auch sonst in ihrer Bewegungsmöglichkeit nach anderen Hauptstellen gehemmt, fällt es schwer, das zum Umlauf nötige Bargeld heranzubringen. Es ist an sich in völlig ausreichender Menge vorhanden, aber es wird vielfach in kurzsichtiger Weise in den Schubläden und Strümpfen der Stadt- und Landbevölkerung aufgestapelt, um auf diese Weise die im Anlauf befindliche Wirtschaft Geras zu erschweren. Die öffentlichen Kassen sind ihren Zahlungsverpflichtungen nachgekommen, obwohl Reichs-, Landes- und Parteivermögen von der amerikanischen Armee beschlagnahmt sind. Die Freigabe dieser Gelder ist für die Zukunft zu erhoffen, in gewissem Umfange ist sie bereits geschehen.
Die Wirtschaft: Sie beginnt wieder anzulaufen. Ich erhalte zu meiner großen Freude täglich von der Handelskammer Mitteilungen über die Wiedereröffnung und Inbetriebnahme von Fabriken und Geschäften. Jede Inbetriebnahme ist gestattet, wenn
a) kein Wehrmachtsgut verarbeitet wird und
b) wenn Artikel hergestellt werden, die nicht der Kriegsproduktion oder irgendwie dem Kriege dienen können. -
Die Stadt unterstützt jede Privatinitiative und jede Aktivität auf diesem Gebiet.
Eine vorübergehende Schwierigkeit besteht zurzeit noch in der restlosen Erfassung der Arbeitskräfte. Das Arbeitsamt wurde zum Teil ausgebombt, vor allem aber war das Arbeitsamt gehalten, sämtliche Kartei-Unterlagen zu vernichten: das Chaos, das die Nazis ihrem Abgang folgen lassen wollten, sollte auch hier Wirklichkeit werden. Dem entgegenzutreten dient der Aufruf, der vor einiger Zeit erlassen wurde. Es ist damit zu rechnen, daß wir nach und nach das Kartei-Wesen des Arbeitsamtes wieder in Ordnung bringen. Es liegen zurzeit ca. 6000 Meldungen vor.
Die Textilindustrie hat genügend Rohstoffe für die nächsten Monate verfügbar. 20 Betriebe laufen, 2500 Männer und Frauen sind darin beschäftigt.
Die Metallindustrie: Bei ihr sind gleichfalls ca. 2500 Männer und Frauen beschäftigt, und es ist hierin eine weitere Steigerung zu erwarten, weil wir Betriebe in unserer Stadt haben, die Spezialfertigungen vornehmen, die anderweit dringend gebraucht werden. An sonstigen Industriezweigen sind 190 Unternehmen mit 6300 Arbeitskräften eröffnet worden.
Über das Handwerk selbst liegen noch keine Zahlen vor; die Aussichten sind günstig. Sie können es selbst beurteilen. Bei dem seit Jahren aufgestapelten Bedarf an Reparaturen ist mit größter Nachfrage zu rechnen Der Handel selbst leidet zur Zeit noch naturgemäß unter mangelnder Zufuhr und fehlenden Beständen. Die Luftangriffe zerstörten unendliche Werte.
Politisch: Meine Damen und Herren! Wir sind wieder freie Menschen! Deutschland ist kein Zuchthaus mehr! Jeder von Ihnen hat das gute Recht, Kritik zu üben, jeder von Ihnen hat das Recht zu sagen, das und jenes halte ich für falsch. Er braucht nicht zu befürchten, daß hinter ihm der Henker steht. Und wenn im ersten Morgengrauen die Hausklingel geht, braucht die Frau nicht erschreckt hochzufahren, weil ihr Mann von der Gestapo abgeholt werden könnte. Apropos Gestapo! Ihren Leiter Kühn nahm ich gestern in Haft. Und heute ließ ich den SS-Obergruppenführer Peukert, 8 den Intimus von Sauckel, verhaften. Die Großen von gestern sind die Kleinen, sind die Nichtse von heute.
Ein Wort zur Militär-Regierung, ich habe der Militär-Regierung versprochen, die Stadt nach demokratischen Grundsätzen zu verwalten. Demokratie ist heute die Parole der Welt. Es ist Ihnen bekannt, wie die Goebbel'sche Propagandamaschine sich nicht genug damit tun konnte, den verstorbenen Präsidenten Roosevelt zu beschimpfen. Wie sie Amerika, dieses große und reiche Land, durch den Schmutz gezogen und seine Soldaten als die Schönwettersoldaten verhöhnt hat. Mag ich zwanzigmal der größte Gegner der Nazi-Regierung gewesen sein, so bin ich Deutscher. Und primitivster Anstand verbietet es mir, bei solchen Haßgesängen einer verblichenen deutschen Regierung, mit Bitten um Hilfe an einen Gegner heranzutreten, der von uns in unflätigster Weise beschimpft und verspottet worden ist. Eines aber kann ich tun und muß ich tun: Ich muß um Verständnis unserer außerordentlich schwierigen Lage bitten, und ich kann Ihnen versichern, meine Damen und Herren, ich bin auf das größte Verständnis bei der amerikanischen Militär-Regierung gestoßen und auf eine vorbildliche Fairness.
Ich gehöre nicht zu den Anhängern des Prä[e]rie-Gesetzes: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Wenn wir in dieser Weise mit allen Leuten der Vergangenheit verführen, würde bei der ungeheuerlichen Zahl begangener Verbrechen vielleicht ein Mangel an Bäumen eintreten. Ich huldige dem alten römischen Grundsatz: Minima non curat praetor, um Kleinigkeiten kümmert sich der Richter nicht. Die Großen, darauf können Sie sich verlassen, die Großen werden gefaßt, und ganz!
Ich weiß mich getragen von dem Vertrauen der Geraer Bevölkerung. Meine vordringlichste Sorge gilt den Armen und Bedrückten. Jeder Arbeiter, jeder kleine Mann, jede kleine Frau muß wissen, daß ich alles daran setze, um zu verhindern, daß man sie jemals wieder politisch betrügt. Ich biete in meiner Person eine Sicherheit für eine solche Zusage. Mein Sprechen in der Öffentlichkeit verbietet, Ihnen zu sagen, was ich alles in den letzten zwölf Jahren durchgemacht habe. Es war ein Opfergang ohnegleichen, und ich habe manchmal nicht mehr gewußt, ob meine Nerven es noch Wochen oder nur noch Tage durchhalten. Bei dem bitteren Leid, das mir zugestoßen ist, mußte manche Träne nach innen geweint werden. Meinem Versprechen, den Armen und Bedrückten zu helfen, setze ich den Satz hinzu: Die Straße frei! Nicht für die braunen Bataillone, sondern die Straße frei für Ordnung und Verkehr, Handel und Wirtschaft! Sie sind die Schlagadern unseres Daseins, von ihrem Erhalt hängt unser aller Leben ab! Darum sind Handel und Wirtschaft, Ordnung und Verkehr zu schützen und werden geschützt
Und wenn man da und dort noch vom „Werwölfchen“ flüstert, wenn es wirklich noch einige Irre gibt, die da glauben, durch das Abkillen irgendeines Mannes, der ihnen nicht gefällt oder durch das Hochgehenlassen irgend eines Schienenstranges, das umbiegen zu können, was die Millionen unserer Wehrmacht nicht abwenden konnten, so will ich den Anhängern dieser Untergrundbewegung in aller Ruhe und Sachlichkeit ins Buch schreiben: Auf ihr Treiben steht der Tod, und der kommt schnell!
Sie, Männer und Frauen des Stadtrates, sollen in Ausschüssen verantwortlich am Wiedererstehen unserer Stadt und ihres Lebens mitwirken. Sachlich, voll Fleiß und frei von jedem persönlichen Interesse muß diese Arbeit sein. Wir wollen uns wohltuend von denen unterscheiden, die den Staat in persönlicher Bereicherungsabsicht ausgesogen und ihn in den Abgrund, zum Teil geradezu bewußt in diesen Abgrund hineingezerrt haben. Gehen Sie mit mir auf diesem geraden, ehrlichen Weg, und wir werden das Ziel erreichen. Dieses Ziel heißt: Gera wird leben!

Quelle: Stadtarchiv Gera, Amts- und Verordnungsblatt des Oberbürgermeisters der Stadt Gera , Anlage (gedruckt), S. 1-6; auch überliefert in: Stadtarchiv Gera, Amts- und Verordnungsblatt des Oberbürgermeisters der Stadt Gera , Anlage (gedruckt), , III C 01, Nr. 2671.

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